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zusehen. ll Dass die Staatsregierung bei ihren Schritten sich streng innerhalb Nr. 4958

(223). der Grenzen des Rechtes halten wird, versteht sich von selbst. Das ist auch

Preussen. bei der Entscheidung in Betreff des Dr. Wollmann geschehen. In seiner Eigen-21. Juli 1871. schaft als Staatsbeamter steht er ausschliesslich unter der Disciplinargewalt des Staates. Sein Verhalten als Staatsbeamter ist völlig vorwurfsfrei. Die kirchlichen Strafen aber, welche Ew. Bischöfliche Hochwürden über ihn zu verhängen für angemessen gefunden haben, enthalten keinen selbstständigen Grund für ein disciplinarisches Einschreiten des Staates. Wenn Ew. Bischöfliche Hochwürden nach Empfang meines Erlasses vom 29. v. Mts. den etc. Wollmann mit der grossen Excommunication belegt haben, so muss ich ergebenst darauf aufmerksam machen, dass die von Hochdenselben an diese Mittheilung geknüpfte Bemerkung, der etc. Wollmann sei nicht mehr ein Glied der katholischen Kirche, sich im Widerspruch befindet mit §. 55. Th. II Tit. 11. A. L. R., wonach wegen blosser abweichender Glaubensmeinungen kein Mitglied einer Kirche von der kirchlichen Gemeinschaft mit rechtlicher Wirkung ausgeschlossen werden kann. Für den Staat ist mithin der Dr. Wollmann nach der Excommunication ebensowohl wie vor derselben ein Mitglied der katholischen Kirche, und enthält dieses neu hinzugetretene Moment keinen Anlass, die Entscheidung vom 29. v. Mts. abzuändern. || Ew. Bischöflichen Hochwürden Wunsch, dass die Gerechtigkeit und der Friede in religiösen Dingen, das Palladium der Stärke Preussens, nicht aus seiner Mitte weiche, theile ich aufrichtigen Herzens. Aber die Gerechtigkeit, welche ich Jedem in gleicher Weise schulde, fordert, dass ich den Dr. Wollmann nicht schutzlos lasse, und den Frieden zu halten, liegt nicht in der Hand des Staates allein. Berlin, den 21. Juli 1871.

v. Mühler.

Unter dem 22. Juli erschien über die Braunsberger Wirren ein Hirtenbrief des Bischofs von Ermland an seine Diocesanen, in welchem diesen unter Wiederholung der im Proteste des Bischofs vom 9. Juli (Nr. 4956. (221)) vorgebrachten Argumente – zugerufen wird: „Ihr sehet, wie tief durch den Ministerial - Erlass vom 29. Juni d. J. die gesetzliche Freiheit und Selbständigkeit der katholischen Kirche in Glaubenssachen verletzt wird. Noch härter aber erscheint dieser Angriff auf den Glauben durch die in derselben Entscheidung enthaltene Bestimmung, dass sämmtliche katholische Schüler, welche das Gymnasium zu Braunsberg besuchen wollen, verpflichtet seien, dem Religionsunterricht des Dr. Wollmann beizuwohnen. Diese Bestimmung ist ein offener, von dem Gesetze ausdrücklich verbotener Gewissenszwang, eine directe Verletzung der in Preussen den Katholiken feierlich garantirten Gewissensfreiheit.

Lasset inzwischen nichts unversucht, um auf dem gesetzlichen Wege Abhülfe der Uebelstände zu erlangen, welche Euch drücken. Beschwert Euch über die Verletzung Eures Rechtes und über die Beeinträchtigung Eurer Religions- und Gewissensfreiheit in allen Instanzen, jener Wittwe des Evangeliums gleich, die nicht ruhte, bis ihr das ihr gebührende Recht geworden. Was den Juden und Dissidenten gewährt ist, dass sie an den öffentlichen Schulen keinen mit ihrer religiösen Ueberzeugung im Widerspruche stehenden.

Staatsarchiv XXIV. Kirchl. Actenstücke. (II.)

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Nr. 4958

(223.) Preussen. 21. Juli 1871.

Religionsunterricht zu besuchen gehalten sind, das kann auch Katholiken nicht verweigert werden! .... Gott schütze auch unser geliebtes deutsches Vaterland, damit nicht nach dem glorreichen Siege über den äusseren Feind die inneren Gegner der deutschen Einheit im demselben Herr werden, die durch Verdächtigungen aller Art, durch Lug und Trug Verwirrung und Feindschaft zwischen Staat und Kirche und unter den Confessionen zu erzeugen bestrebt sind und durch Aussaat religiöser Zwietracht und Unduldsamkeit den Boden unterwühlen, auf welchem allein ein glücklicher Aufbau des deutschen Kaiserreiches möglich ist.“

Nr. 4959. (224.)

BAYERN. Erlass des Cultusministers (v. Lutz) an den Erzbischof von München. — Zukünftige Haltung der Regierung gegenüber den Consequenzen

der Concilsbeschlüsse.

Hochwohlgeborner, Hochwürdigster Herr Erzbischof!

Nr. 4959

(224). Bayern.

Den Hirtenbrief, welcher unter dem 14. April d. J. bezüglich der Concils

beschlüsse vom 18. Juli 1870 an den gesammten ehrwürdigen Clerus und an 27. Aug.1871. alle Gläubigen des Erzbisthums München-Freising ergangen ist, haben Ew. Ex

cellenz mit Vorstellung vom 15. desselben Monats auch Sr. Maj. dem König, unserm allergnädigsten Herrn, unterbreitet. Se. Maj. haben beide Actenstücke dem Unterzeichneten mit dem Befehle zu überweisen geruht, die Vorstellung Ew. Excellenz zu beantworten. || Nachdem nunmehr unter den sămmtlichen Mitgliedern der Staatsregierung volle Uebereinstimmung bezüglich der Haltung besteht, welche gegenüber den neuesten Vorgängen in der katholischen Kirche einzunehmen ist, gibt sich im Vollzuge dieses allerhöchsten Befehls der ganz ergebenst Unterzeichnete die Ehre, in nachfolgendem die Anschauungen darzulegen, von welchen die bayerische Staatsregierung ausgehen zu müssen glaubt, so oft sie über eine Angelegenheit sich schlüssig zu machen berufen ist, welche mit den erwähnten Concilsbeschlüssen zusammenhängt. In der an Se. Maj. den König gerichteten Vorstellung vom 15. April bezeichnen Ew. Excellenz als Ziel der Opposition, welche sich in München gegen die Beschlüsse des vaticanischen Concils vom 18. Juli 1870 erhoben hat: offene Empörung gegen die Kirche und Leugnung ihres göttlichen Lehramtes, Massenabfall von der katholischen Kirche und offene Verfolgung derselben. Ew. Exc. richten an Se.

. Maj. die Bitte: wie bisher, so auch in diesen Tagen der Gefahr als oberster Schutz- und Schirmherr der katholischen Kirche sich zu erweisen und nicht zuzugeben, dass die Existenz der Kirche in Bayern gefährdet, oder dass ihre verfassungmässigen Rechte beeinträchtigt werden; auch fügen dieselben bei: eine Beeinträchtigung der Rechte der Kirche könne nicht stattfinden, ohne dass zugleich die ganze staatliche Ordnung in Frage gestellt werde. Endlich weisen Ew. Nr.4959

(224). Excellenz darauf hin, dass die Verachtung und Zerstörung der kirchlichen

Bayern. Autoriät auch die der staatlichen nach sich ziehen, und dass endlose Ver- 27. Aug. 1871. wirrung und namenloses Unglück für unser Vaterland die Folge sein werde, wenn man der gegenwärtigen Bewegung wider die Kirche nicht Halt gebiete und eine Grenze setze. Die bayerische Staatsregierung ist sich dessen wohl bewusst, wie nahe, in Anbetracht der sittlichen und religiösen Grundsätze, welche mit Zustimmung und Beihülfe des Staates dem Volke von frühester Jugend an eingeprägt werden, die Gefahr liegt, dass aus der Missachtung der kirchlichen Autorität auch eine Abschwächung der weltlichen Autorität erwächst, und ist weit davon entfernt, das Gewicht der Worte zu unterschätzen, welche Ew. Excellenz über diesen Punkt an Se. Maj. den König gerichtet haben. Die bayerische Staatsregierung würde auch ihrerseits den grössten Werth auf friedliche Beziehungen zwischen Staat und Kirche legen und auch für ihren Theil eine grosse Genugthuung empfinden, wenn die Handhabung der der katholischen Kirche verfassungsmässig zugesicherten Rechte niemals zu einem Anstande führen würde. || Ew. Excellenz werden aber selbst ermessen, dass die Gemeinsamkeit der Interessen des weltlichen Regiments und der Kirche von dem Augenblick an nicht mehr erkannt werden kann, in welchem die kirchliche Autorität selbst das Ansehen der weltlichen Obrigkeit und ihrer Gesetze zu missachten und sich auch in Sachen der weltlichen Herrschaft über die Staatsgewalt zu erheben beginnt. Von diesem Augenblick an vermag Niemand mehr in einer vollen Wahrung des Ansehens der Kirche zugleich eine Wahrung des Ansehens der Staatsgewalt zu finden. Von diesem Augenblick an wird die Staatsregierung sich der Pflicht nicht entschlagen können, ihre Autorität auf eigene Hand, soweit ihre Machtsphäre reicht, zu wahren, selbst auf die Gefahr hin, dass sie sich mit der kirchlichen Obrigkeit in wichtigen principiellen Fragen in Widerspruch setzen muss. || Der ganz ergebenst Unterzeichnete ist zu seinem lebhaftesten und aufrichtigsten Bedauern in die Lage versetzt, Ew. Excellenz erklären zu müssen: dass ein solcher Augenblick mit dem 18. Juli 1870 und mit der Thatsache eingetreten ist, dass die Bischöfe, unter Ausserachtlassung der verfassungsmässigen Bestimmungen über das Placetum regium mit Publication der Concilsdecrete vorangegangen sind. Es wird dem Unterzeichneten in der That nicht leicht, Ew. Excellenz mit dieser Erklärung gegen, überzutreten, angesichts der grossen Entschiedenheit, mit welcher in dem Hirtenbriefe vom 14. April d. J. eine andere Meinung Ausdruck gefunden hat, und in Anbetracht des grossen Gewichts, welches mit vollem Recht den Worten Ew. Excellenz von den Gläubigen der Diöcese beigemessen wird. Die Ueberzeugung, dass sich die Staatsregierung bei den Concilsbeschlüssen vom 18. Juli 1870 nicht beruhigen kann und darf, steht jedoch bei dem ganz ergebenst Unterzeichneten zu fest, als dass er sich durch die Rücksichten, welche er Ew. Excellenz und dem hohen Amt eines Erzbischofs zu widmen gewohnt ist, zur Annahme eines andern Standpunktes für befugt erachten könnte. Wäre

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Nr. 4959 freilich, um zuerst von dem Inhalt und der Bedeutung der Concilsbeschlüsse

(224). Bayern.

vom 18. Juli 1870 zu sprechen, die Auffassung begründet, welche von vielen 27.Aug. 1871. Seiten vertreten wird: dass nämlich diese Concilsbeschlüsse nichts anderes zum

Dogma erhoben hätten, als was in der katholischen Kirche von jeher geglaubt worden ist, so würde allerdings ein grosser Theil der Gründe, auf welche sich die Anschauung des Unterzeichneten stützt, in Wegfall kommen. Man würde alsdann gegen jede Beanstandung der mehrgedachten Concilsbeschlüsse mit Erfolg einzuwenden vermögen: dass die Kirche und ihre Lehre nach wie vor dieselbe sei, und dass, wenn die Staatsgewalt früher von der Meinung ausgegangen, es könnten die Beziehungen zwischen Kirche und Staat ohne Gefahr für den letztern, so wie geschehen, geregelt werden, jedenfalls das Dogma vom 18. Juli 1870 keinen Anlass zu Bedenken gegen den Fortbestand des bisherigen Kirchenstaatsrechts biete. | Der Unterzeichnete sagt absichtlich: „ein grosser Theil der Gründe“, und nicht: „alle Gründe“; denn immerhin bliebe die Erwägung übrig, dass vielleicht jetzt erst die Bedenken deutlicher zu Tage getreten sind, welche gegen den angeblich längst gelehrten und längst geglaubten, aber neuerdings erst festgestellten Glaubenssatz obwalten, und dass jedenfalls die Zweifel nunmehr völlig ausgeschlossen werden, welche früher noch gegen denselben zugelassen waren, und mit deren Hülfe der Katholik seine Anhänglichkeit an die unzweifelhaft festgestellte Lehre der Kirche und seine Unterwerfung unter die Gesetze des Staates in volle Harmonie zu setzen vermochte. || Die Staatsregierung kann aber die Augen nicht vor der Thatsache verschliessen, dass viele äusserst beachtenswerthe Stimmen gegen die ebenerwähnte Auffassung sich ausgesprochen haben und die Behauptung aufstellen: das Dogma von der persönlichen Unfehlbarkeit des Papstes enthalte allerdings eine wesentliche Aenderung an dem Lehrbegriffe der katholischen Kirche. Ist diese letztere Behauptung begründet, dann muss die Frage aufgeworfen und zur Entscheidung gebracht werden: wie sich auf Grund des neuen Glaubenssatzes das Verhältniss zwischen Staat und Kirche gestaltet? | Hiebei ist vor allem festzustellen, wem das endgültige Urtheil darüber zukommt: ob mit den Concilsbesehlüssen vom 18. Juli 1870 eine Neuerung an dem Lehrbegriffe der katholischen Kirche begründet wurde, oder nicht, und ob in der etwa herbeigeführten Neuerung für die Staatsregierung ein Anlass zur Revision und Umgestaltung ihrer bisherigen Beziehungen zur Kirche liegt. Ist einmal die Vorfrage: ob das Dogma vom 18. Juli 1870 nur längst Geglaubtes fixirt, oder ob es eine Neuerung an den Glaubenssätzen der katholischen Kirche enthält, in dem zuletzt erwähnten Sinn entschieden, dann steht hierüber kann kein Zweifel aufkommen

das Urtheil über die Frage, ob die Staatsregierung ihre bisherigen Beziehungen zur Kirche aufrecht erhalten kann, oder ob sie dieselben revidiren und modificiren muss, der weltlichen Regierung zu. Mit einem solchen Urtheil steht sie auf dem Boden ihrer eigentlichen Aufgabe; sie greift damit nicht über den Bereich ihrer Zuständigkeit hinaus. ! Was aber die oben bezeichnete Vorfrage angeht, so steht die Staatsregierung hier allerdings einer theologischen Controverse gegenüber. Wenn und soweit es sich darum handelt, diese Controverse Nr. 4959

(224). mit der Wirkung zur Entscheidung zu bringen, dass dadurch das Bekenntniss

Bayern. der katholischen Kirche festgestellt wird, kommt ihr, dessen bescheidet sich 27. Aug. 1871 der ganz ergebenst Unterzeichnete sehr wohl, weder ein Beruf noch eine Berechtigung zur Entscheidung zu. Die Entscheidung darüber, was ein Katholik glauben muss, um mit der Lehre seiner Kirche in vollem Einklang sich zu befinden und im Jenseits zur Anschauung Gottes zu gelangen, kann sich eine weltliche Regierung nicht vindiciren. So bereitwillig die Staatsregierung dies auch anerkennt, und soweit sie auch von dem Versuch entfernt ist, die oben bezeichnete Streitfrage in der Absicht zu lösen, dass mit ihrem Ausspruche die Gewissen der Katholiken verpflichtet werden, so kann sie doch nicht umhin, sich eine Meinung darüber zu bilden, welche Art der Entscheidung die richtige sei, um schliesslich diese Meinung zum Ansgangspunkt ihres Handelns und ihrer Maassregeln zu nehmen. || Thäte sie dies nicht, so könnte sie niemals die ihr, wie gesagt, zu eigener Competenz zufallende Aufgabe einer Prüfung der Haltbarkeit ihrer Beziehungen zum kirchlichen Regiment lösen und müsste die Aufgabe trotz der vielfachen Rückwirkungen kirchlicher Institutionen auf das bürgerliche Leben unangerührt auf sich beruhen lassen. || Wie soll aber die Staatsregierung der schwierigen Aufgabe gerecht werden, sich über einen theologischen Streit eine eigene Meinung zu bilden, an welche sie vielleicht weittragende Folgen zu knüpfen gezwungen ist? | Viele haben auf diese Frage die Antwort bereit: dass der Staat am besten thue, sich an den Ausspruch der Bischöfe zu halten, weil diese die wahren testes fidei seien und somit ihnen allein die endgültige Entscheidung des mehrberegten Streites zukomme. Die Bischöfe seien, so sagt man von dieser Seite, die einzig zuständigen Richter über die rein kirchliche Angelegenheit der Feststellung des Glaubens; ihr Urtheil habe auch die Staatsregierung zum Ausgangspunkt ihrer Entscheidung über Fortbestand oder Abänderung des Kirchenstaatsrechtes zu nehmen. Der Ausspruch der Bischöfe aber geht nunmehr dahin: dass die Infallibilität der Päpste von jeher gelehrt und geglaubt worden sei, dass man in Rom nicht die Wahrheit des Dogma selbst, sondern nur die Opportunität einer Definition desselben beanstandet habe, und dass die Infallibilität der Päpste den Staat in nichts gefährde. In dieser Weise sich zu berubigen, kommt der Staatsregierung nach der Ueberzeugung des ganz ergebenst Unterzeichneten nicht zu. || Ganz abgesehen von den offenkundigen Wandlungen in den Erklärungen vieler Bischöfe vor und nach dem 18. Juli 1870 und von dem Mangel eines Anhaltpunktes dafür, weshalb nicht die frühern, sondern die jüngsten Erklärungen der Bischöfe das wahre Zeugniss für den Glauben enthalten, so ist von entscheidendem Gewichte der Umstand, dass die Staatsregierung zugleich die Regierung der Katholiken und der Andersgläubigen ist und als solche kein Recht hat, lediglich den confessionellen Standpunkt kirchlicher Unterordnung einzunehmen. Mit der Unterwerfung der Staatsgewalt unter den Ausspruch der Kirche hätte die Staatsregierung nicht bloss für die Katho

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