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Lichte. Das einzelne empirische Subjekt findet sich, sobald es auf sich selber und den Inhalt seiner Vorstellungen zu reflektieren beginnt, zunächst scheinbar einer wirren und beziehungslosen Vielheit von Eindrücken gegenüber. Indem es diese Mannigfaltigkeit fortschreitend ordnet, indem es von der Welt der sinnlichen Empfindung zur Welt der distinkten Begriffe des Raumes, der Zeit und der Zahl aufsteigt, um sich weiterhin zur Anschauung der lebendigen zwecktätigen Substanzen zu erheben, erwirbt es damit keinen völlig fremden Stoff von aussen hinzu, sondern gewinnt nur immer reichere und adäquatere Formen für die erkenntnismässige Gestaltung und Deutung seines Bewusstseinsinhalts. Erst in diesem Akt der fortgesetzten gedanklichen Vereinheitlichung wird die Wahrheit des Seins erreicht: denn diese besteht in nichts anderem, als in dem durchgängigen Einklang dieser mannigfachen Gesichtspunkte der Betrachtung. Keiner dieser Gesichtspunkte ist entbehrlich; aber keiner besitzt auch ein alleiniges und ausschliessliches Recht. Jede Phase, die erreicht wird, besitzt ihre eigentümliche relative Bedeutung, aber sie weist zugleich auf eine andere hin, die sich über sie erhebt und sie ablöst. Nur in diesem Stufengang von Betrachtungsweisen erschliesst sich uns der Gesamtinhalt der Wirklichkeit. So ist schon der Inhalt, den die Sinneswahrnehmung uns darbietet, kein leerer wesenloser Schein, wenngleich er, um der exakten wissenschaftlichen Erkenntnis zugänglich zu werden, in reine Grössenverhältnisse aufgelöst werden muss. (S. ob. S. 86 f.) So bildet weiterhin das Reich der Grössen nur die Vorbereitung für das Reich der Kräfte, in dem wir die innere Verfassung des Alls von einem neuen Standpunkt aus erfassen. Und innerhalb dieses Kräftereiches selbst deuten wiederum die „niederen Substanzen, die nur der Ausdruck für die Einheit eines natürlichen Lebensprozesses sind, auf die höheren hin, in denen sich zugleich die bewusste Einheit einer moralischen „Persönlichkeit" offenbart. Wie alle diese intellektuellen Auffassungsweisen ineinandergreifen und sich übereinander aufbauen, gewinnt das Sein für uns immer reicheren Gehalt. Die echte Wirklichkeit kann nicht auf einmal ergriffen und abgebildet werden, sondern wir können uns ihr nur in immer vollkommeneren Symbolen beständig annähern. Noch einmal tritt

Die Harmonie als ideelle Einheit.

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somit die zentrale Bedeutung dieses Begriffs für das Ganze der Leibnizischen Lehre deutlich heraus. Der Wert, den der Gedanke der allgemeinen Charakteristik für das System besitzen muss, bestimmt sich nunmehr genauer. Es ist kein Zufall, der uns dazu drängt, die Verhältnisse der Begriffe durch Verhältnisse der „Zeichen“ zu ersetzen; sind doch die Begriffe selbst ihrem Wesen nach nichts anderes als mehr oder minder vollkommene Zeichen, kraft deren wir in die Struktur des Universums Einblick zu gewinnen suchen.

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Dass damit ein eigentümlicher und spezifisch moderner Gedanke erreicht ist: dies wird sogleich ersichtlich, wenn Leibniz an diesem Punkte mit seinen rationalistischen Vorgängern, mit Descartes und Spinoza, vergleicht. Für Descartes war die Ausdehnung mit der ersten Ausbildung seiner Metaphysik zur unabhängigen, für sich bestehenden Substanz geworden; für Spinoza bedeutet sie ein göttliches Attribut, das dem Attribut des Denkens gleichgestellt und nebengeordnet ist. Für Leibniz dagegen sind Raum und Zeit nichts anderes als ideelle Ordnungen der Erscheinungen, sie sind somit keine absoluten Realitäten, sondern lösen sich in die Wahrheit von Beziehungen" auf.82) „Raum und Zeit, Ausdehnung und Bewegung, sind - wie es in einem bezeichnenden Worte heisst nicht Dinge, sondern Weisen der Betrachtung" (modi considerandi).83) So sehr gilt die Rückführung der Phänomene auf mechanische Vorgänge als ein blosses Mittel der Methode, dass dieser schroff subjektive Ausdruck gewagt werden kann. Die Gültigkeit der mathematischen Grundbegriffe wird dadurch nicht angetastet; wissen wir doch, dass sie, wenngleich sie uns kein unbedingtes Dasein erschliessen, doch an ihrem Orte innerhalb des Systems darum nicht minder notwendig sind. Die Begriffe selbst sind „real" und haben ein objektives Fundament, wenngleich sie nicht auf irgendwelche transscendenten Gegenstände gehen In diesem Zusammenhange zeigt sich erst ganz, dass die „Versöhnung“, die Leibniz zwischen Metaphysik und Mathematik, zwischen teleologischer und kausaler Auffassung anstrebt, nicht auf einer eklektischen Mischung des Inhalts beider Gebiete beruht. Nicht die Ergebnisse sollen einander äusserlich angepasst, sondern ein und derselbe reale Zusammenhang soll unter verschiedene Gesichts

punkte der Beurteilung gestellt werden. Die Zwecke werden. nicht einzeln als wirkende Kräfte in das ursächliche Geschehen hineingelegt, sondern die Gesamtheit dieses Geschehens wird, ohne dass seine immanenten Regeln gestört würden, als Sinnbild eines höheren geistigen Zusammenhangs gedeutet.

Selbst an diesem Punkte, an dem Leibniz sich der Aristotelischen Weltansicht wieder unmittelbar zu nähern scheint, behauptet er daher den originalen Grundgedanken, durch den er sich von der Scholastik unterscheidet. So nabe er in seinem Begriffe der „Entelechie" der organischen Naturauffassung des Aristoteles kommt, so ruht sie für ihn dennoch auf einem veränderten logischen Fundament und weist einen völlig neuen Typus der Begründung auf. Leibniz geht von dem Funktionsbegriff der neuen Mathematik aus, den er als Erster in seiner vollen Allgemeinheit fasst und den er schon in der ersten Konzeption von aller Einschränkung auf das Gebiet der Zahl und der Grösse befreit. Mit diesem neuen Instrument der Erkenntnis ausgerüstet, tritt er an die Grundfragen der Philosophie heran. Und nun erweist es sich, dass es kein starres und totes Werkzeug ist, das er ergriffen hat; sondern je weiter er fortschreitet, um so mehr gewinnt es an innerem Gehalt und Reichtum. Der abstrakte mathematische Begriff der Funktion weitet sich zum Harmonie begriff der Ethik und Metaphysik. Was zuvor als ein unversöhnlicher Gegensatz zur mathematischnaturwissenschaftlichen Betrachtungsweise erschien, das erscheint jetzt als ihre Ergänzung und ihr ideeller Abschluss. Die überlieferte Metaphysik der „substantiellen Formen" erfährt indessen hier nur eine scheinbare Erneuerung. Denn trotz aller Zustimmung zu dem Inhalt einzelner ihrer Hauptsätze: der Erkenntnisbegriff, auf dem sie ruht, ist endgültig überwunden. Die „oberflächliche" Ansicht, dass die „Formen" der Dinge es sind, die in den Geist eindringen und in ihm die Erkenntnis der Objekte erzeugen, wird von Leibniz in allen Phasen seines Denkens gleich rückhaltlos verworfen. Hier zum mindesten kennt er keine Möglichkeit der Vermittlung und Versöhnung. Leibniz selbst bezeichnet sein System mit Vorliebe als das System der Harmonie". Die Harmonie aber bedeutet ihrem Grundsinne nach nicht lediglich das Verhältnis, das zwischen

Funktionsbegriff und Harmoniebegriff.

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Leib und Seele, noch auch die Uebereinstimmung, die zwischen den verschiedenen individuellen Substanzen und der Folge ihrer Vorstellungen besteht; sie geht vielmehr ursprünglich auf den Einklang zwischen den verschiedenartigen und wechselweise einander bedingenden ideellen Betrachtungsweisen, aus denen sich das Sein darstellen und deuten lässt. Auch Leibniz' Gottesbegriff mündet in seiner Vollendung in diesen Gedanken ein: bedeutet doch die Idee Gottes für Leibniz zuletzt nichts anderes, als den „Vernunftglauben" an eine innere Uebereinstimmung zwischen dem „Reich der Natur" und dem „Reich der Zwecke."84) Die Gleichung „Harmonia universalis, id est Deus" bildet, lange bevor die eigentliche Monadologie konzipiert ist, einen Ausgangspunkt von Leibniz' Metaphysik:85) sie bleibt zugleich der Zielpunkt, auf den die mannigfachen Richtungen der Forschung gemeinsam hinweisen und zustreben.

Drittes Kapitel.

Tschirnhaus.

Das Bild der Gesamtentwicklung des Rationalismus bliebe unvollständig, wenn wir einen Denker ausser Acht liessen, der — so wenig bleibend und nachhaltig der Eindruck seiner Lehre war - doch die geschichtlichen Hauptströmungen, die sich im siebzehnten Jahrhundert gegenüberstanden, am deutlichsten in sich vereint. Die Methodenlehre, die Ehrenfried Walter v. Tschirnhaus in seiner „Medicina mentis" niedergelegt hat, zeigt keine völlig neuen und originalen Züge. Sie ist in ihrem Grundgedanken, wie in ihrem gesamten Aufbau von Spinozas „Tractatus de intellectus emendatione“ abhängig, und sie geht nur darin über ihn hinaus, dass sie die Theorie des Erfahrungswissens, deren Ausführung Spinoza gefordert und versprochen, die er indessen selber nicht mehr geleistet hatte, weiterzuführen und im Einzelnen zu begründen sucht. Wichtiger als die eigenen positiven Leistungen Tschirnhausens indessen ist die Rolle der geschichtlichen Vermittlung, die ihm zufiel. Er zuerst ist es, der Leibniz, gerade in der Epoche seiner ersten jugendlichen Empfänglichkeit, mit den Grundgedanken von Spinozas Prinzipienlehre bekannt macht und der damit die Entwicklung seiner Philosophie im positiven, wie im negativen Sinne bestimmt. Weiterbildung, die insbesondere Hobbes' und Spinozas Lehre von der genetischen Definition bei Leibniz gefunden hat, die ununterbrochene Stetigkeit der Gedankenentwicklung, die hier obwaltet, findet ihre historische Erklärung in der gemeinsamen Arbeit, die Leibniz und Tschirnhaus, wie aus ihrem Briefwechsel ersichtlich ist, in der Zeit ihres Pariser Aufenthalts diesem Teil der allgemeinen Methodenlehre gewidmet haben.

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