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Der Begriff der Tatsachenwahrheit.

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gemeinsamen Merkmale sich nunmehr deutlich bezeichnen und gesondert herausheben lassen, oder aber er erfordert eine immer weitergehende Zergliederung des Inhalts der beiden Begriffe. Als typisches Beispiel für diesen Unterschied gilt Leibniz der Gegensatz der Rational- und Irrationalzahlen. Während wir zwei rationale Zahlen schliesslich immer auf eine gemeinsame Grundeinheit zurückführen und dadurch ihr beiderseitiges Verhältnis exakt zum Ausdruck bringen können, erweist sich das Irrationale gegenüber diesem Verfahren als „inkommensurabel". Zwar dürfen und müssen wir versuchen, den irrationalen Wert zwischen immer engere Grenzen einzuschliessen und ihm somit wenigstens annäherungsweise seine „Stelle" innerhalb des Systems der zunächst allein gegebenen, rationalen Zahlen anzuweisen. Aber wir begreifen zugleich, dass dieser Versuch niemals zu einem endgültigen Abschluss führen kann und sehen ein, dass es nicht nur das zufällige Unvermögen unseres Intellekts, sondern die Natur der Aufgabe selbst ist, die einen derartigen Abschluss verbietet.76) Im gleichen Sinne muss auch das einzelne zufällige „Faktum" der immer weitergehenden Bestimmung durch die rationalen Wahrheiten zugänglich sein und dieser Bestimmung nirgends prinzipiell Halt gebieten, ohne doch darum den Charakter des Unerschöpflichen" jemals zu verlieren. Das Kriterium für die allgemeine Geltung einer Wahrheit ist daher zu verändern: damit ein Satz wahr ist, ist es nicht erforderlich, dass das Prädikat im Subjekt tatsächlich und ohne Rest aufgeht, sondern dass eine allgemeine Regel des Fortschritts ersichtlich ist, aus der wir mit Sicherheit entnehmen können, dass der Unterschied zwischen beiden mehr und mehr verringert werden und schliesslich unter jede noch so kleine Grösse sinken kann.77) So wird das Verhältnis zwischen Idee und Erscheinung zuletzt im rein Platonischen Sinne bestimmt: die Phänomene „streben" danach, die reinen Ideen zu erreichen, aber sie bleiben nichtsdestoweniger beständig hinter ihnen zurück. Diese Mittelstellung zwischen Erfüllung und Mangel, zwischen Wissen und Nicht-Wissen ist es, auf welcher alle Möglichkeit und aller Antrieb der Forschung beruht.

IV.

In der Einsicht, dass das Einzelne eine Unendlichkeit begrifflicher Teilbedingungen in sich schliesst und somit für unsere Erkenntnis, die sich diese Bedingungen nur im successiven Fortschritt von einem Moment zum anderen zu verdeutlichen vermag, zuletzt unausschöpfbar bleibt, ist der höchste Punkt der rein logischen Analyse erreicht. Die „Scientia generalis" findet in dem unbeschränkten Feld ihrer Tätigkeit, das sich ihr jetzt darbietet, zugleich ihre natürliche Grenze. Und wir sahen bereits, dass Leibniz sich dieser Grenze in den ersten Schriften, in denen er den allgemeinen Entwurf der Universalwissenschaft begründet, deutlich bewusst geblieben ist. Die unendliche Mannigfaltigkeit der Dinge auf ihren letzten metaphysischen Wesensgrund zurückzuführen und sie aus den absoluten Attributen Gottes zu deduzieren

ist uns wie er hier hervorhebt versagt: wir müssen uns mit der Analyse der Ideen begnügen, die wir soweit zu treiben haben, als es zum Beweis der Wahrheiten erforderlich ist und die in obersten Prinzipien, die wir hypothetisch zugrunde legen, ihren Abschluss findet. (Vgl. ob. S. 50.)

Und dennoch drängt der allgemeine Grundgedanke des metaphysischen Rationalismus über diese methodische Beschränkung immer von neuem hinaus. Was für unsere Erkenntnis gültig und bindend ist: das erscheint immer wieder als eine bloss subjektive Schranke, an die der unendliche Verstand Gottes nicht gebunden ist. Die Totalität der Bedingungen, die wir nur Glied für Glied zu verfolgen vermögen, vermag der ewige Intellekt Gottes in einem einzigen Blicke zu überschauen. Für ihn ist die Auflösung aller empirischen Wahrheiten in apriorische, die das Ziel unserer Forschung ausmacht, vollendet. Die notwendige Verknüpfung zwischen dem Subjekt und Prädikat eines Urteils, das sich auf eine individuelle Tatsache, auf ein „Hier“ und „Jetzt" bezieht: diese Verknüpfung, die durch keinen abstrakten Beweis festzustellen ist, wird von ihm in unfehlbarer Intuition (infallibili visione) erkannt.78) Die Verfassung des Universums aber ist aus dieser Intuition hervorgegangen und wird durch sie bestimmt. Was in ihr gesetzt, was durch sie implizit mitgegeben ist, das ist zugleich ein objektives Gesetz der Dinge.

Das Postulat des „absoluten Verstandes".

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Wir haben kein Recht, die zufälligen Bedingungen unserer menschlichen Einsicht den Gegenständen als Norm vorzuschreiben; wohl aber muss, was aus dem Begriff der höchsten, in sich vollkommenen Erkenntnis folgt, für das All der Realität vorbildlich und zwingend sein.

Wir sahen, wie bei Spinoza, so nahe er dieser allgemeinen Grundanschauung steht, die Forderung, die empirische Folge des Einzelnen aus ihr abzuleiten, ausdrücklich abgewiesen wurde. Was wir wahrhaft zu begreifen vermögen, sind nur die festen und ewigen Dinge": die Reihe der veränderlichen Einzelobjekte zu verfolgen, scheint ihm dagegen eine Bemühung, die ebenso unerfüllbar wie unnötig ist, da sie unsere Kenntnis vom innersten Grunde der Dinge nicht vermehren würde. Die Erscheinungen begreifen heisst sie in die abstrakten Ordnungen der Geometrie und Mechanik aufheben, in die sie, all ihrer modalen Besonderungen ungeachtet, nur als Beispiele universeller gesetzlicher Zusammenhänge eingehen. (S. ob. S. 18 ff) Damit aber sind wie Leibniz erkennt die Aufgaben, die die empirische Forschung uns stellt, nicht sowohl bewältigt, als vielmehr bei Seite geschoben. Behält Spinoza recht, so bliebe zuletzt immer eine unabsehbare Mannigfaltigkeit von Einzelkenntnissen übrig, die wir lediglich hinzunehmen hätten, ohne sie jemals im strengen rationalen Sinne begründen zu können. Es ist nicht genug, zu wissen, dass ein allgemeiner Begriff A ein Merkmal" B für alle Zeiten in sich schliesst, sondern wir müssen die Notwendigkeit einsehen, gemäss welcher an einem bestimmten, nur einmal vorhandenen „Subjekt" diese oder jene. Eigentümlichkeit sich findet, und müssen weiterhin begreifen, warum sie zu diesem bestimmten Zeitpunkt, nicht früher oder später, an ihm hervortritt.79) Nichts kann an einem Subjekt geschehen, was nicht aus ihm quillt und bedingt ist. Jede Veränderung, die in ihm vorgeht, ist durch die Natur, die ihm eignet, von vornherein logisch präformiert": ja, diese Natur bedeutet nichts anderes, als die eindeutige Gesetzlichkeit in der Abfolge der Veränderungen.

Betrachten wir zunächst die Folgen, die dieser Gedanke für die Gestaltung unseres phänomenalen Weltbildes besitzt, so erkennen wir, dass wir mit ihm den Umkreis der abstrakten Me

chanik verlassen haben und auf das Gebiet der organischen Naturbetrachtung übergetreten sind. Indem wir ein bestimmtes Subjekt als den selbsttätigen Quell all seiner inneren Wandlungen denken, verleihen wir ihm damit den Charakter und die spezifische Eigenart eines Organismus. Nichts, was sich an ihm vorfindet, gilt uns jetzt mehr als der blosse Eindruck eines äusseren Geschehens, sondern es erscheint als die Ausprägung einer inneren Tendenz zu bestimmten Veränderungsund Entwickelungsreihen. Der allgemeine logische Gedanke nimmt hier eine biologische Fassung und Wendung an.80) Das Subjekt bildet nicht mehr einen blossen ruhenden Inbegriff von Bedingungen, sondern es ist eine aktive Einheit, die sich in einer Fülle successiver Gestaltungen zu entfalten strebt. Die „derivative" Kraft, wie die Mechanik sie denkt, bezeichnete einen Einzelzustand des Geschehens, sofern er zu anderen strebt oder andere im Voraus involviert. (S. ob. S. 78.) Gehen wir jetzt über jede derartige Besonderung heraus, fassen wir nicht mehr ein einzelnes, zeitlich begrenztes Sein, sondern die Gesamtheit einer Entwickelungsreihe ins Auge und die Regel, nach der in ihr der Uebergang von Glied zu Glied erfolgt, so entsteht uns damit der Begriff der primitiven Kraft. Diese Regel ist universell, sofern sie gegenüber den wechselnden momentanen Zuständlichkeiten immer ein und dieselbe bleibt; aber sie ist zugleich im strengsten Sinne individuell, da sie sich nicht in mehreren gleichartigen Exemplaren darstellt und verwirklicht, sondern das eigentümliche Gesetz einer konkreten Reihe darstellt. „Alle Einzeldinge sind successiv oder dem Wandel unterworfen, dauernd ist in ihnen nichts als das Gesetz selbst, das eine beständige Veränderung in sich schliesst, und das in den einzelnen Substanzen mit dem Gesamtgesetz, das im ganzen Universum herrscht, übereinstimmt."81) So ergibt sich eine unendliche Mannigfaltigkeit von Veränderungsreihen, die sämtlich ohne direkte physische Einwirkung auf einander verlaufen und deren beherrschende Regeln dennoch nicht beziehungslos nebeneinander stehen, sondern nach einem allgemeinen idealen Plane zusammenhängen. Die verschiedenen Subjekte" entfalten völlig unabhängig von einander den Inhalt ihrer Vorstellungen; aber alle diese subjektiven „Bilder" machen dennoch nur ein einziges

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Universum der Erscheinungen aus, da zwischen ihnen allen eine konstante Ordnung und Entsprechung besteht.

Der allgemeine Grundriss des Systems der Monadologie ist damit entworfen. Und von neuem tritt nunmehr hervor, dass es Leibniz' Begriff der Erkenntnis ist, der hier noch einmal eine charakteristische Ausprägung erfahren hat. Man hat gegen Leibniz' Lehre eingewandt, dass sie, indem sie alle Realität in die Tätigkeit des Vorstellens auflöse, damit alle unabhängige Materie der Vorstellung vernichte. Ist so hat man gefolgert - der ganze Bestand des Alls nichts anderes als eine endlose Fülle vorstellender Wesen, so hat schliesslich die Wirklichkeit keinen anderen Inhalt als ein Vorstellen des Vorstellens, so droht sie sich schliesslich in lauter leere Formen zu verflüchtigen. Dieser Einwand verkennt den Leibniz'schen Seinsbegriff, weil er den Wahrheitsbegriff verkennt, den Leibniz zu Grunde legt. Das Kriterium für die Wahrheit einer Idee - davon war ausgegangen worden kann nicht darin gesucht werden, dass sie irgend einem äusseren Gegenstande nachgeahmt ist. Wie vielmehr die abstrakte Wahrheit der notwendigen Wissenschaften auf einer bestimmten „Proportion" oder „Relation" der Ideen selbst beruht, so beruht auch die empirische Wahrheit einer einzelnen Erscheinung einzig auf ihrer harmonischen Zusammenstimmung mit den reinen Vernunftregeln und der Gesamtheit aller übrigen Beobachtungen. Der gleiche Gesichtspunkt, der hier für die Phänomene durchgeführt ist, beweist nunmehr seine Geltung in einer neuen Sphäre. Auch die metaphysische „Realität“ der Erkenntnis besteht nicht darin, dass die verschiedenen vorstellenden Subjekte ein gemeinschaftliches äusseres Objekt besitzen, sondern dass sie in ihrer reinen Funktion, in der Kraft der Vorstellungserzeugung, auf einander abgestimmt sind und mit einander in Zusammenhang stehen.

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Wir können den Aufbau der Leibnizischen Metaphysik hier nicht weiter verfolgen; nur insoweit gehörte sie in den Kreis unserer Betrachtung, als sich in ihr die allgemeinen Züge des Leibnizischen Ideals des Wissens widerspiegeln. Blicken wir jetzt auf die Gesamtentwicklung zurück, die Leibniz' philosophische und wissenschaftliche Forschung genommen, so erscheint nunmehr auch der Grundbegriff der Harmonie in einem neuen

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