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der Auflösung in Begriffe und der Zerfällung in Teile nicht unterschieden haben. Die Teile sind nicht immer einfacher als das Ganze, obwohl sie stets kleiner als das Ganze sind." 84) Somit will auch das ,,Unendlich-Kleine" lediglich das begriffliche,,Requisit" der Grösse, nicht aber einen wirklichen „aktuellen" Bestandteil von ihr darstellen. Gegenüber jeder realistischen Deutung, die die Materie aus unendlich kleinen Partikeln zusammengesetzt denkt, hat daher Leibniz stets von neuem den Charakter der Infinitesimalgrösse als einer rein methodischen ,,Fiktion" betont: einer Fiktion, die nichtsdestoweniger notwendig und unentbehrlich ist, da — kraft eines Zusammenhangs, der uns erst später völlig durchsichtig werden wird - Alles in den Dingen sich so verhält, als ob sie unbedingte Wahrheit wäre. Allgemein kommt dem Unendlich-Kleinen die volle Geltung eines begrifflichen Grundes, aber keinerlei Art tatsächlicher Sonderexistenz zu. Sein Platz ist wie es in einem Briefe an Johann Bernoulli charakteristisch heisst - ,,in den idealen Gründen, von denen als ihren Gesetzen die Dinge regiert werden, obwohl es sich in den Teilen der Materie nicht findet."35)

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Die historische Frage nach der Ursprünglichkeit und Unabhängigkeit der Leibnizischen Entdeckung des Infinitesimalcalculs erhält erst in diesem Zusammenhange ihr volles Licht. Die Antwort auf sie kann nicht zweifelhaft sein, sobald man erkannt hat, dass die neue Rechnungsart in der Tat, wie Leibniz selbst es ausspricht, aus dem innersten Quell seiner Philosophie hervorgegangen ist.36) Die Analysis des Unendlichen ist nur eine neue und fruchtbare Durchführung der allgemeinen Forderung der Analysis der Begriffe, mit welcher Leibniz' Lehre beginnt. Es ist sehr bezeichnend, dass Leibniz in einem Aufsatze, der nach dem Ausbruch des Prioritätsstreites verfasst ist, und der die Motive der Entdeckung in meisterhafter Prägnanz und Klarheit enthüllt, diesen Gedanken wiederum an die Spitze stellt. Der eigentliche und letzte Ursprung liegt ihm hier wiederum in seiner Lehre von den Bedingungen der Definition und des deduktiven Beweises.37) Die Weite und Allgemeinheit, in der Leibniz von Anfang an seine Grundkonzeption fasst und die ihre eigentliche Ueberlegenheit ausmacht, geht aus diesem Zusammenhang hervor. Der Gedanke des Infinitesi

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malen brauchte als solcher von ihm nicht entdeckt zu werden: er war bereits durch Galilei in der Mechanik, durch Kepler und Cavalieri in der Geometrie, durch Fermat und Descartes in der Analysis heimisch und fruchtbar geworden. (Vgl. Bd. I, S. 324 ff.) Leibniz' Leistung besteht darin, dass er all diesen verschiedenen Ansätzen, die in ihrer Durchführung auf ein Sondergebiet beschränkt blieben, ein einheitliches Begriffsfundament entdeckt. Hier geht er auch über Newton hinaus, der den Fluxionsbegriff durch den Begriff der Geschwindigkeit erläutert und dessen Betrachtungsweise somit im wesentlichen durch mechanische Analogien geleitet ist. Leibniz steht dieser Anschauung innerlich nicht fern: gilt doch auch ihm die Bewegung als ein reiner rationaler Grundbegriff, der dem Geiste als unverlierbarer Besitz eingeprägt ist. „Unser Geist könnte in einen Zustand kommen, in dem er keine Experimente anzustellen noch auf die Erfahrungen Acht zu haben vermöchte, die er in diesem Leben gesammelt; unmöglich aber ist es, dass die Ideen der Ausdehnung und der Bewegung, sowie der anderen reinen Formen jemals in ihm ausgelöscht würden."38) Die „Bewegung" indessen, wie sie hier verstanden wird, ist kein einzelnes empirisches Datum mehr, sondern jenes allgemeine Prinzip, dessen der Gedanke sich bedient, wenn er das Zusammengesetzte aus dem Einfachen konstruktiv hervorgehen lässt. So lässt es sich verstehen, dass dieser Begriff die verschiedensten Problemgebiete gleichmässig zu durchdringen und zu beherrschen vermag. Von der Cavalierischen „Geometrie des Unteilbaren", die uns „sozusagen die Rudimente oder Anfänge der Linien und Figuren" aufweist,39) schreitet Leibniz zum physikalischen Begriff des Moments" der Geschwindigkeit, von hier aus wiederum zur analytischen Geometrie und zum „umgekehrten Tangentenproblem" weiter, wobei jedoch sein Blick niemals auf der einzelnen Aufgabe als solcher, sondern auf der allgemeinen Methodik ihrer Lösung haftet.

So wird auch das Prinzip der Continuität, das Leibniz als den letzten Grund seiner Analysis bezeichnet, von ihm überall als ein Prinzip der Ordnung und der Methode des Denkens eingeführt. Betrachten wir zwei Wertefolgen veränderlicher Grössen, die durch ein festes Gesetz mit einander ver

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Das Prinzip der Continuität.

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bunden sind, so darf die Beziehung, die zwischen den Reihengliedern besteht, nicht aufgehoben werden, wenn wir von ihnen auf die Grenzen der beiderseitigen Reihen übergehen. In der Anschauung zwar mögen diese Grenzfälle den übrigen Elementen unvergleichlich gegenüberzustehen scheinen; wie denn Ruhe und Bewegung, Gleichheit und Ungleichheit, Parallelismus und Convergenz von Linien in der unmittelbaren sinnlichen Auffassung als Gegensätze erscheinen müssen. Aber diese Kluft, die für unsere Imagination" bestehen bleibt, muss der Gedan ke über-/ brücken und ausfüllen. Ein Element mag, isoliert betrachtet, einem anderen noch so „unähnlich“ scheinen: wenn es sich aus ihm im stetigen logischen Fortgang ableiten und entwickeln lässt, so gewinnt es kraft dieses Prozesses der Schlussfolgerung eine höhere und fester gegründete Gemeinschaft mit ihm, als die sachliche Uebereinstimmung in irgend welchen konstanten anschaulichen Einzelmerkmalen ihm zu geben vermöchte. „Ist irgend ein stetiger Uebergang gegeben, der in einem letzten Terminus endet so formuliert Leibniz selbst den obersten Grundsatz der neuen Rechnung - so ist es stets möglich, eine gemeinsame rationale Betrachtungsweise durchzuführen (ratiocinationem communem instituere), die den letzten Terminus mit in sich einschliesst."40) Die Giltigkeit und Stringenz des logischen Verfahrens, kraft dessen wir die beiden Reihen auf einander beziehen, bricht nicht ab, wenngleich die sinnliche Analogie und Aehnlichkeit verschwinden mag. Die Regel des Ungleichen muss so allgemein konzipiert werden, dass sie die Gleichheit als eine besondere Bestimmung in sich zu fassen vermag. Ausdrücklich wird daher das Prinzip der Continuität von Leibniz als ein logisches Postulat für die Aufstellung und Verknüpfung unserer Begriffe gefasst, das als solches allerdings mittelbar auch für alle Wirklichkeit von Tatsachen gelten muss, da sich keine Wirklichkeit erdenken lässt, die nicht ihrem Grund und Inhalt nach durchgehend vernünftig wäre. „Da die Continuität ein notwendiges Erfordernis der wahren Gesetze der Mitteilung der Bewegung ist, wie liesse sich daran zweifeln, dass alle Phaenomene ihr unterworfen sind, da diese ja nur vermittels der wahren Gesetze der Mitteilung / der Bewegung verstandesgemäss erklärbar werden."41) Wer daher Regeln der Bewegung und Ruhe aufstellen will, der muss

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sich vor allem gegenwärtig halten, dass „die Regel der Ruhe so zu fassen ist, dass sie als Corollar oder als Spezialfall der Regel der Bewegung angesehen werden kann. Wenn dies wie bei den Cartesischen Stossgesetzen nicht der Fall ist, so ist dies das sicherste Zeichen dafür, dass die Regeln falsch aufgestellt sind und mit einander nicht in Einklang stehen.“42) Es ist bemerkenswert, dass Leibniz nirgends versucht hat, einen direkten metaphysischen Beweis für die Continuität der Bewegung zu geben. Noch in Briefen an de Volder, die aus der späteren Periode seiner Philosophie stammen, äussert er sich über diesen Punkt mit grösster Zurückhaltung.48) Die Stetigkeit kann nicht unmittelbar aus dem „Wesen" der Bewegung, sondern nur aus den Prinzipien der rationalen Ordnung, d. h. aus den Erfordernissen unserer vernünftigen Einsicht gefolgert werden. Aber freilich wird sie damit keineswegs zu bloss „subjektiver“ Geltung herabgesetzt; denn was als ewige Wahrheit" erkannt und erwiesen ist, das gilt damit nicht nur für unseren endlichen Verstand, sondern ist eine schlechthin unbedingte Regel, an welche der unendliche, absolute Verstand Gottes in der Realisierung der Dinge gebunden bleibt. So kann man allgemein sagen, dass die gesamte Continuität etwas Ideales ist, dass aber nichtsdestoweniger das Reale vollkommen vom Idealen und Abstrakten beherrscht wird, sodass die Regeln des Endlichen im Unendlichen . . . und umgekehrt die Regeln des Unendlichen im Endlichen ihre Geltung behalten. Denn alles untersteht der Herrschaft der Vernunft; andernfalls gäbe es weder Wissenschaft, noch Regel, was der Natur des obersten Prinzips widerstreiten würde."44) In diesem Sinne bedeutet für Leibniz das Gesetz der Stetigkeit den Schlüssel der wahrhaften Philosophie, die sich über die Sinne und die Einbildung erhebt und den Ursprung der Erscheinungen im Gebiet des Intellektuellen sucht.45)

Jetzt erst ist uns der Weg zur Betrachtung des realen Geschehens gebahnt, ohne dass wir fürchten müssten, im logischen Sinne eine μετάβασις εἰς ἄλλο γένος zu begehen. Die Analyse des Zeitverlaufs der wirklichen Ereignisse stellt die „Scientia generalis“ vor eine Aufgabe, vor der all ihre begrifflichen Mittel zunächst zu versagen drohen. Ein Zusammenhang der Wirklichkeit ist für uns nach den ersten Voraussetzungen der Leib

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nizischen Lehre nur dann vollkommen erkennbar, wenn er sich in einem Urteil darstellen lässt, dessen Prädikat ausdrücklich/ oder „virtuell“ im Subjekt enthalten ist. Die Bestimmungen, die an den Subjektsbegriff herantreten, dürfen ihm gegenüber nichts Fremdes und Aeusserliches bedeuten, sondern es muss möglich sein, sie lediglich aus der eigenen „Natur" des Subjekts vollständig zu entwickeln und zu begreifen. Die gewöhnliche Ansicht, die man sich von der Art des zeitlichen Geschehens macht, aber widerspricht dieser Grundforderung. Gilt doch gerade dies als das Charakteristische des zeitlichen Wandels, dass in ihm völlig neue Inhalte erschaffen werden, die plötzlich, wie aus einem unbekannten Grunde des Seins hervortauchen und dem Bewusstsein, als etwas völlig Selbständiges, von all seinen bisherigen Kenntnissen Verschiedenes gegenübertreten. Ist diese Auffassung richtig, so müssen wir den Anspruch aufgeben, den Intellekt selbst als den zulänglichen Grund aller Wahrheiten, die ihm gegeben werden können, anzusehen; so muss neben und ausser ihm in der Sinneserfahrung ein zweites, gleich ursprüngliches Prinzip der Gewissheit anerkannt werden. Diese Lösung aber würde den Leibnizischen Begriff der Erkenntnis selbst zunichte machen: denn alle blossen Tatsachenwarheiten wollen als Vorbereitung für rationale Sätze dienen und streben danach, sich fortschreitend in sie aufzulösen (vgl. ob. S. 56 ff.) So gilt es an diesem Punkte, die herkömmliche Betrachtungsweise in sich selber umzugestalten. Was wir als eine völlige zeitliche Neuschöpfung anzusehen pflegen, das ist in Wahrheit nur die Entfaltung und das successive Hervortreten zuvor gegebener Bedingungen, in denen der Erfolg bereits völlig beschlossen lag. Das zeitliche Werden ist statt unter den Gesichtspunkt der Epigenesis unter den Gesichtspunkt der Praeformation zu stellen. Jeder Moment des Werdens muss als eine eindeutige Folge aus der Gesamtheit der vorangehenden Bedingungen ableitbar und .. in ihnen in seiner gesamten Eigenart vorgebildet sein.

Die mechanische Naturauffassung ist uns daher wie Leibniz insbesondere gegen Robert Boyle hervorhebt-46) nicht lediglich durch die Erfahrung und durch die „Natur der Dinge" aufgedrängt, sondern sie wurzelt in den ersten Prinzipien unserer Vernunft. Der Satz, dass alle Veränderungen, die in der Natur

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