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und Vorgängen innerhalb der existierenden Wirklichkeit.25) Das Reich des Begriffes bleibt somit von dem Bereich der „Tatsachen" völlig getrennt; der Begriff verbleibt durchaus innerhalb seiner selbstgesteckten Grenzen, ohne Anspruch darauf zu erheben, das objektive Dasein,,abzubilden." Eben diese Schwierigkeit aber lässt die tiefere Tendenz von Hobbes' Grundgedanken deutlich hervortreten. Wäre es die Aufgabe des Wissens, die bestehenden äusseren Gegenstände nachzuahmen, so gäbe es nach Hobbes' eigenen Voraussetzungen kein anderes Mittel hierfür, als sich der unmittelbaren Empfindung und ihrer associativen Verknüpfung zu überlassen. In der direkten Aussage der Sinne und in deren Fixierung durch das Gedächtnis wäre alsdann alle Möglichkeit des Wissens beschlossen. Damit aber wäre zugleich das logische Ideal vereitelt, das Hobbes selber aufgestellt hatte, damit wäre eine bloss historische Tatsachenkenntnis an die Stelle der deduktiven und prinzipiellen Einsicht gesetzt. (S. ob. S. 145 ff.)2) Um dieser Folgerung zu entgehen, muss die Definition der Erkenntnis von jeder unmittelbaren Beziehung auf die objektive Existenz absehen, muss sie, statt von den Dingen, nur von den Vorstellungen und Namen der Dinge handeln. So wird der „Nominalismus“ für Hobbes zum Halt und zur Schutzwehr gegen den drohenden „Empirismus“: die Prinzipien gewinnen ihre Allgemeinheit und Notwendigkeit wieder, indem sie dafür auf jede Entsprechung innerhalb des konkreten Seins der Dinge verzichten.

Eine Ergänzung und Vertiefung findet diese allgemeine Ansicht in der Anschauung, die Hobbes vom Wesen und Wert der Mathematik besitzt. Hier hatte er, wie wir sahen, die Zweideutigkeit des Nominalismus bereits überwunden; hier hatte er ebensosehr die rein ideale Bedeutung der Grundbegriffe betont, wie er andererseits im Begriff der kausalen Definition eine einschränkende Bedingung ihrer Gültigkeit gewonnen hatte. Die Freiheit" der Konstruktion, die wir in der Geometrie betätigen, bedeutet nicht Willkür, sondern strenge Bindung an bestimmte dauernde Gesetzlichkeiten, Nicht jede beliebige Wortverbindung, die wir schaffen, bedeutet hier eine mögliche, d. h. mit den Gesetzen unserer räumlichen Anschauung vereinbare Idee. (S. ob. S. 146.) Nicht minder deutlich tritt die tiefere sachliche Bedeu

tung der „Namengebung“, wie Hobbes sie versteht, im Gebiete der Arithmetik hervor. Es ist charakteristisch, dass er als erste und wissenschaftlich grundlegende Leistung, die durch die Sprache ermöglicht wird, die Schöpfung der Zahlzeichen nennt. Erst nach der Entstehung der Zahlworte vermochte der Mensch die Vielheit der Erscheinungen in feste Grenzen zu bannen; erst durch sie wurde er in den Stand gesetzt, die empirischen Objekte, gleichviel in welcher Form sie ihm gegeben wurden, der Herrschaft des Begriffs zu unterwerfen. Jede noch so verwickelte Rechnung, sie möge sich nun auf Zeiten oder Räume, auf den Umlauf der Himmelskörper oder auf die Aufführung eines Gebäudes oder einer Maschine beziehen, ist nur ein Produkt und eine Weiterführung jenes ursprünglichen geistigen Aktes der Zählung: „haec omnia a Numeratione proficiscuntur, a Sermone autem Numeratio 27). Hier wird, wie man sieht, der Nachdruck nicht sowohl auf die blosse Benennung, als auf das reine gedankliche Verfahren gelegt, kraft dessen wir durch die wiederholte Setzung einer willkürlich angenommenen Einheit die Mehrheit erschaffen; ein Verfahren, das sich freilich nicht ausbilden und vervollkommnen könnte, wenn nicht jeder Einzelschritt durch ein bestimmtes sinnliches Zahlzeichen fixiert und damit für das Gedächtnis aufbewahrt würde. Dieser Zusammenhang tritt vor allem in der Darstellung des „Leviathan“ hervor, in der von Anfang an die Bedeutung und der Zweck der Namengebung darauf eingeschränkt wird, die „Umwandlung einer geistigen Schlussfolge in eine sprachliche" zu vollziehen. Die Folge und der gesetzliche Ablauf unserer Gedanken kann erst in der Verknüpfung der Worte zu fester Ausprägung und zu allgemeingültiger Darstellung gelangen.28) Wer jedes Gebrauchs der Rede bar wäre, der könnte zwar, wenn ihm ein einzelnes Dreieck vorgelegt würde, zu der Einsicht geführt werden, dass seine Winkelsumme zwei Rechte beträgt; aber er vermöchte sich niemals zu der Erkenntnis zu erheben, dass dieser Umstand für jedes beliebige Dreieck gilt. Erst wenn wir nicht mehr von der Betrachtung der sinnlich einzelnen Gestalt, sondern von dem sprachlich fixierten Begriff des Dreiecks ausgehen; - wenn wir uns bewusst werden, dass der Zusammenhang, von dem hier die Rede ist, von der absoluten Seitenlänge, sowie von anderen

Die Möglichkeit allgemeingültiger Erkenntnis.

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zufälligen Merkmalen der gegebenen einzelnen Figur gänzlich unabhängig ist und allein aus denjenigen Bestimmungen quillt, kraft deren wir eine empirisch vorhandene Gestalt überhaupt erst als Dreieck bezeichnen und anerkennen: erst dann haben wir das Recht zu dem „kühnen und universellen" Schluss, dass in jedem Dreieck das gleiche Verhältnis, das wir hier entdeckt haben, sich wiederfinden muss. "Auf diese Weise wird die Folgerung, die wir an einem besonderen Falle aufgefunden haben, dem Gedächtnis als allgemeine Regel überliefert, die den Geist von aller Betrachtung des Raumes und der Zeit befreit und bewirkt, dass das, was hier und jetzt als wahr erfunden. wurde, auch für alle Orte und alle Zeiten als wahr anerkannt wird."29) Wiederum bestätigt es sich in dieser ganzen Entwickelung, dass der „Nominalismus“ des Hobbes nicht wie es zunächst scheinen konnte einen Gegensatz zum „Rationalismus“ bilden, sondern zu seiner Bestätigung und Begründung dienen will. Das Wort ist die Stütze und das Vehikel der Vernunfterkenntnis, deren allgemeine Geltung es erst zum Bewusstsein und zur Anerkennung bringt. So fügt sich die Grundanschauung über das Verhältnis von Begriff und Wort, die anfangs das Denken all seines realen Gehalts zu berauben schien, zuletzt dennoch der allgemeinen philosophischen Tendenz des Systems ein. Die wichtigste Frage, die nunmehr noch zurückbleibt, ist, wie weit diese Tendenz sich weiterhin auch im Aufbau der Naturphilosophie betätigt und bewährt.

IV.

Es ist ein originaler und fruchtbarer Gedanke, mit welchem Hobbes die Darlegung seiner Naturphilosophie beginnt. Er geht von der Vorstellung aus, dass das gesamte Universum mit Ausnahme eines einzigen Menschen vernichtet würde und knüpft hieran die Frage, welche Inhalte alsdann für das denkende Subjekt, dessen Fortbestand wir annehmen, noch als Gegenstände der Betrachtung und Schlussfolgerung zurückbleiben würden. Von der Antwort, die er auf dieses Problem gewinnt, hängt alle fernere Entscheidung über das Gefüge und über die reale Ver

fassung der Wirklichkeit ab. Diejenigen Momente, die völlig unabhängig von der Existenz einer realen Körperwelt in uns bestehen können, müssen zuvor rein herausgelöst werden, ehe wir, auf dieser Grundlage weiterbauend, einen Einblick in das Ganze der objektiven Wirklichkeit erlangen können.

Es ist kein vereinzelter geistreicher Einfall, es ist kein bloss willkürliches Gedankenexperiment", von dem Hobbes hier seinen Ausgang nimmt. Der Gedanke, den er an die Spitze stellt, steht in innerlicher und notwendiger Beziehung zu der Grundansicht, von der seine Methodenlehre beherrscht ist. Das Denken so sahen wir hier kann nichts begreifen, was es nicht vor sich erstehen lässt; es kann keinen Inhalt als den seinigen anerkennen, wenn es ihn nicht in einem selbsttätigen Prozess sich zu eigen macht. Die Körperwelt mag an sich noch so sicheren und festen Bestand besitzen: für das Wissen besteht sie dennoch erst, sobald wir sie aus den Elementen unserer Vorstellung erschaffen haben. Wie wir einen vollkommenen Kreis, der uns zufällig in der empirischen Wahrnehmung begegnen würde, doch niemals als solchen zu erkennen vermöchten, wie wir vielmehr, um über das „Sein" einer bestimmten Figur eine Entscheidung zu treffen, immer auf den Akt ihrer Konstruktion zurückgehen müssen,30) so müssen wir hier mit bewusster Absicht von der existierenden Welt, die uns als ein festes unbewegliches Sein umfängt, absehen. Die fertige Welt bietet dem Gedanken keinen Ansatzpunkt; er muss sie kraft der Freiheit seiner Abstraktion negieren, um sie desto gewisser zurückzugewinnen.

Verfolgen wir diesen Weg, fragen wir also, was uns nach Aufhebung aller äusseren Gegenstände als notwendiger Besitz des Geistes zurückbleibt, so tritt uns hier zunächst der Grundbegriff des Raumes entgegen. Selbst wenn wir alle sinnlichen Empfindungen, die von den Körpern zu uns hinüberdringen, in uns vernichtet denken, so blieben doch die reinen räumlichen Beziehungen unverändert in uns erhalten. Indem das Ich den Akt des Denkens von seinem Inhalt unterscheidet und sich diesem letzteren gleichsam gegenüberstellt, entsteht ihm damit die reine Vorstellung des ,,Aussen", die das Grundmoment des Raumbewusstseins ausmacht. Der Raum ist in diesem Sinne

Die Naturphilosophie. Raum und Zeit.

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nichts anderes, als eine Schöpfung unserer subjektiven „Phantasie", er ist das Phantasma einer existierenden Sache, sofern wir an ihr nichts anderes, als eben diesen Umstand, dass sie als äusserlich vorgestellt wird, beachten und von allen ihren sonstigen Beschaffenheiten absehen.31) In analoger Weise entsteht uns der Gedanke der Zeit, wenn wir die Vorgänge und Veränderungen, die sich vor uns abspielen, nicht nach ihrem Sonderinhalt betrachten, sondern lediglich das Moment des „Nacheinander" an ihnen herausheben; die Zeit ist das Phantasma der Bewegung, sofern wir uns in dieser eines „Früher“ oder „Später" oder einer bestimmten Reihenfolge bewusst werden. So sind denn auch ihre Teile wie die Stunde, der Tag oder das Jahr - nichts. objektiv Vorhandenes, sondern nur die abgekürzten Zeichen für Vergleiche und Rechnungen, die wir in unserem Geiste anstellen ihr ganzer Gehalt liegt begründet in einem Akte der Zählung, der nichts anderes als eine reine Tätigkeit des Bewusstseins, ein „actus animi“ ist. In dieser Erkenntnis liegt zugleich die Lösung für alle metaphysischen Schwierigkeiten, die man in den Begriffen des Raumes und der Zeit von jeher gefunden hat. Die unendliche Teilbarkeit, wie die unendliche Erstreckung beider birgt jetzt keinen inneren Widerspruch mehr; ist es doch nunmehr klar, dass sie nicht in den Dingen, sondern in unserem Urteil über die Dinge gegründet ist. Jegliche Teilung und Zusammensetzung ist ein Werk des Intellekts. Die einzelnen Zeit- und Raum-Abschnitte haben keine andere Existenz, als diejenige, die sie in unserer Betrachtung besitzen.32) Und so sehr jedes gegebene Ganze des Raumes und der Zeit notwendig begrenzt sein muss, so ist doch dem Verfahren, kraft dessen wir willkürlich immer neue Teile unterscheiden und setzen können, keine Schranke gesetzt.

Wenn Hobbes auf Grund dieser Entwicklungen nunmehr zur Begriffsbestimmung des Körpers übergeht, so bleibt auch hier die Continuität seiner allgemeinen gedanklichen Voraussetzungen zunächst durchaus erhalten. Die Definition des Körpers fügt zu den Bestimmungen, die wir bisher kennen gelernt. haben, keine einzige inhaltliche Eigentümlichkeit neu hinzu; sie unterscheidet sich von der Vorstellung des Raumes in keinem einzigen begrifflichen Merkmal, sondern lediglich durch

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