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stimmten Ordnung und Verknüpfung erwächst. Man hat es auffällig gefunden, dass Hobbes, wenngleich er alle vernünftige Schlussfolgerung in die elementaren arithmetischen Operationen auflöst, dennoch die Algebra derart der Geometrie unterordnet, dass für sie kaum mehr eine selbständige Stellung im allgemeinen System der Wissenschaften übrig bleibt.18) Der Widerstreit löst. sich indes, wenn man die allgemeine logische Grundabsicht seiner Philosophie betrachtet. Das Rechnen", auf das er hinzielt, ist durchaus als ein freies anschauliches Konstruieren gedacht: es bezieht sich auf die Verknüpfung von Elementen, die wir zuvor durch die kausale Definition, für die die Geometrie das ständige Vorbild abgibt, gewonnen und festgestellt haben.

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Fasst man das Ganze dieser Entwicklungen, die in Hobbes' eigenen Erklärungen unzweideutig vorliegen, zusammen, so begreift man erst damit das Thema, auf welches er die philosophische Forschung einschränkt. Sein Verhältnis zur modernen. Naturwissenschaft tritt jetzt klar hervor: was in dieser als das tatsächliche Objekt der Forschung hingestellt wird, das soll bei ihm, aus allgemeinen logischen Gründen, als der notwendige und einzige Gegenstand des Wissens erwiesen werden. Das „Subjekt" der Philosophie ist der Körper; denn nur in ihm findet sich jenes exakte „Mehr und Weniger, das die Vorbedingung für alle wahrhafte Einsicht ist. Die Eigenschaften und Beschaffenheiten dieses Subjekts müssen wir zuletzt auf Bewegung zurückleiten; denn nur sie schliesst sich in all ihren objektiven Merkmalen genau und vollständig dem Verfahren an, das wir überall verfolgen müssen, um zum Verständnis irgend eines Inhalts zu gelangen. Die eigentlich originelle Wendung in Hobbes' Philosophie besteht darin, dass sie den empirischen Inhalt, den die exakte Wissenschaft festgestellt hat, in einen rationalen Inhalt zu verwandeln und als solchen zu begründen unternimmt. Alle Einzelsätze der Lehre müssen als Stufen innerhalb dieses Versuches gedeutet und gewürdigt werden. Erkenntnisideal, von dem Hobbes durchaus beherrscht wird, ist die strenge und eindeutige Deduktion. Die lediglich empirische Kenntnis von Tatsachen ohne Einsicht in ihre notwendige Verknüpfung fällt ihm ausserhalb des Begriffs der Philosophie

Das

Das Erkenntnisideal der Deduktion.

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und der Wissenschaft. 19) Sollen somit die Sätze der neuen Mechanik und Physik echten Wahrheitswert gewinnen, so müssen sie aus einem Zusammenhang allgemeiner theoretischer Gründe abgeleitet werden. Diese Gründe aber können wir nicht in der überlieferten Logik suchen; denn diese bleibt, als die Logik der „Formen", den Beziehungen und Gesetzen fremd, von denen die neue Naturwissenschaft spricht. So muss denn hier eine neue Vermittlung gesucht werden, die das Reich des Gedankens mit dem Reich der Naturwirklichkeit verknüpft. Dass beides sachlich streng getrennte und unabhängige Gebiete sind, steht für Hobbes freilich von Anfang an fest. Nirgends findet sich bei ihm ein Versuch, das Sein im idealistischen Sinne unmittelbar in das Denken aufzuheben. Aber nicht minder beharrt er darum auf der Gemeinsamkeit und Uebereinstimmung in der Grundverfassung beider, durch die ihm strenge Wissenschaft erst als möglich gilt. Die Bewegung erweist sich hier als der echte Mittelbegriff: denn wie sie auf der einen Seite die Substanz und der Urgrund alles wirklichen Geschehens ist, so ist sie andererseits ein Grundbegriff unseres Geistes, den wir bereits im Aufbau der rein idealen Erkenntnisse, die von aller tatsächlichen Existenz absehen, betätigen. Sie ist das einzige wahrhaft verständliche Objekt des Denkens, ist sie doch bereits mit der Funktion des Denkens gesetzt und gegeben. So wird sie nicht länger als ein fremder und äusserer Inhalt betrachtet, den wir nur empirisch erfassen können, während die Logik ihn verschmäht und liegen lässt, sondern sie wird in ihren Bereich aufgenommen. Freilich vermag Hobbes den neuen Gedanken, der hierin liegt, nur allgemein hinzustellen und als Forderung auszusprechen, nicht aber ihn im Einzelnen zu bewähren und zu rechtfertigen. Die Gründe hierfür lassen sich leicht erkennen. Hobbes ist, so sehr sein philosophisches Interesse der Mathematik zugewandt war, ihrer modernen Entwicklung fremd geblieben. Der Fortgang von der elementaren Geometrie und Algebra zu dem neuen Begriff der Analysis ist bei ihm nicht vollzogen. Eben hier aber liegt die wahrhafte Erfüllung der Forderung, die er im Sinne trug; erst hier ist das Werden und die Veränderung in Wahrheit zum rationalen Grundbegriff erhoben. Nicht die Geometrie, sondern erst die Analysis des Unendlichen zeigt uns in wissen

schaftlicher Bestimmtheit und Deutlichkeit jene genetische Entstehung eines Gebildes aus seinen Grundelementen, die Hobbes' Methodenlehre allgemein für jeden wissenschaftlichen Inhalt verlangt. Und noch ein weiterer Mangel von Hobbes' Lehre, der für ihre gesamte Entwicklung entscheidend geworden ist, lässt sich unmittelbar daraus begreifen, dass ihr der freie Ausblick in das Gesamtgebiet der neuen Mathematik versagt war. Die Funktion des Denkens geht ihm wesentlich im Trennen und Zusammensetzen von Inhalten auf. Sehen wir etwa --- so führt er selbst aus von ferne einen Menschen auf uns zukommen, so werden wir ihn, solange wir ihn nur undeutlich wahrnehmen, nur mit dem Gattungsnamen des Körpers bezeichnen, während wir ihm, in dem Maasse, als er sich uns rähert und schärfer von uns erfasst wird, nach und nach die weiteren Bestimmungen der „Beseeltheit" und der „Vernünftigkeit" zusprechen und erst damit seinen wahren Artcharakter bestimmen.20) Der Begriff des Menschen setzt sich also aus diesen drei verschiedenen Merkmalen wie ein Ganzes aus seinen Teilen zusammen und lässt sich auf gleiche Weise in sie wiederum auflösen. Dass es Arten der Verknüpfung geben könne, die über die blosse Summenbildung hinausgehen, dass in dem Aufbau eines Begriffs die einzelnen Momente nicht einfach nebeneinander treten, sondern in komplizierten Verhältnissen der Ueber- und Unterordnung stehen: darüber kommt es nirgends zur Klarheit. Das Rechnen" mit Begriffen erschöpft sich für Hobbes in der elementaren Addition und Subtraktion. Hobbes hat in seiner Physik, indem er an die Grundgedanken Galileis anknüpfte, die Begriffe des „,Unendlichen" und des „Unendlichkleinen" weiter ausgebaut und entschieden zur Geltung gebracht. In seiner Definition des,,conatus" als der Bewegung über eine Raumstrecke und eine Zeitdauer, die kleiner als jeder gegebene Raum und Zeitteil ist, arbeitet er unmittelbar den Gedanken und der Begriffssprache der Differentialrechnung vor. Die spezielle Ausführung seiner Lehre aber nimmt an dieser Entwicklung keinen Anteil mehr, da sie ihre Orientierung noch durchweg einer Auffassung der Mathematik entnimmt, die die gleichzeitige Wissenschaft zu überwinden im Begriffe steht. Der harte und erbitterte Kampf, den Hobbes gegen Wallis' Versuch einer neuen algebraischen Grund

Verhaltnis zur Mathematik.

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legung des Infinitesimalbegriffs geführt hat, ist seiner eigenen Logik zum Verhängnis geworden.21)

III.

Eine zweite nicht minder wichtige Schranke für den folgerechten Ausbau der Grundgedanken der Methodenlehre scheint sich zu ergeben, wenn wir Hobbes' Anschauung vom Verhältnis des Begriffs zum Wort betrachten. Hier scheint zuletzt der Zusammenhang mit den Prinzipien der Erfahrungswissenschaft völlig verleugnet: die Logik steht wiederum im Begriff, sich unmittelbar in die Grammatik aufzulösen. Wenn die Philosophie anfangs als die apriorische Erkenntnis der Wirkungen und „Erzeugungen“ der Natur galt, so soll sie jetzt nichts anderes, als die Lehre von der richtigen Zusammensetzung der „Zeichen“ sein, die wir in unserem Denken erschaffen. Die Wahl dieser Zeichen aber und die Art ihrer Verknüpfung ist völlig willkürlich und hängt von dem Gutdünken desjenigen ab, der sie zuerst festgestellt hat. So scheinen alle Grundregeln des Denkens zu verfliessen; so scheint alle Sicherheit und Constanz, die wir für irgend eine „Wahrheit" in Anspruch nehmen, nichts anderes zu sein, als das Pochen auf eine einmal festgesetzte Convention, die dereinst durch eine neue Setzung abgelöst und verdrängt werden kann.

In der Tat hat Hobbes diese Folgerung in aller Entschiedenheit und Deutlichkeit gezogen. Die Wahrheit haftet nicht an den Sachen, sondern an den Namen und an der Vergleichung der Namen, die wir im Satze vollziehen: veritas in dicto, non in re consistit. 2) Dass beim gegenwärtigen Stand der Dinge der Einzelne in seinem Urteil mit den Inhalten des Denkens nicht frei schalten kann, sondern an bestimmte Regeln gebunden ist, besagt nichts anderes, als dass er die Bezeichnungen der Dinge nicht in jedem Augenblick nach Belieben ersinnen kann, sondern sich dem herrschenden Sprachgebrauch anzubequemen hat. Der Schöpfer dieses Sprachgebrauchs indes war durch keinerlei Schranke gebunden, die aus den Dingen oder aus der Natur unseres Geistes stammte; ihm stand es frei, beliebige Namen zu

verknüpfen und damit beliebige Prinzipien und Axiome des Denkens zu schaffen. Die logischen und mathematischen Gesetze lösen sich damit in - juristische Gesetze auf; an die Stelle von notwendigen und unaufheblichen Relationen zwischen unseren Ideen treten praktische Normen, die die Benennung regeln. Man sieht, es ist das staatsrechtliche Ideal des Hobbes, das hier einen Einbruch in seine Logik vollzogen hat: der absolute Souverän wäre nicht nur Herr über unsere Handlungen, sondern auch über unsere Gedanken und die Wahrheit und Falschheit ihrer Verknüpfung.

Die Paradoxie, ja den offenen Widerspruch dieser Konsequenz kann keine Darstellung wegzudeuten suchen. Dennoch gilt es, wenn wir das System als ein Ganzes verstehen wollen, zum mindesten die sachlichen Motive zu begreifen, die zu dieser Lehre hingedrängt haben. Dass die Wahrheit in den Namen gegründet ist: das ist nur der schroffe und einseitige Ausdruck der Grundansicht, dass sie lediglich im Urteil ihren Ursprungsort hat. Der Geist vermag nur dasjenige zu verstehen, was er selbsttätig hervorgebracht und verknüpft hat23); er findet die ersten Grundsätze nicht indem er an die Dinge herantritt und sie an ihnen als allgemeine Merkmale unmittelbar wahrnimmt, sondern er bringt sie in ursprünglichen und eigenen Setzungen hervor.,,Beweiskräftige Wissenschaft gibt es für den Menschen nur von solchen Dingen, deren Erzeugung von seiner Willkür abhängt."24) So wird das Moment der Willkür vor allem deshalb betont, um die methodische Freiheit, um die Unabhängigkeit der Grundsätze von der zufälligen empirischen Beobachtung hervorzuheben. Das Wissen soll sich selbständig entfalten dürfen; aber um es vom Zwang der äusseren Sachen zu befreien, muss Hobbes zugleich die unverbrüchliche Notwendigkeit seiner Grundsätze preisgeben. Es ist den besten Kennern von Hobbes' Lehre immer auffallend und anstössig erschienen, dass zwischen der Wissenschaft, wie er sie definiert, und der empirischen Welt der Körper, die ihm doch als die eigentliche Realität gilt, streng genommen aller Zusammenhang abgebrochen ist. Die Wahrheit ist die willkürliche Schöpfung des Menschen, sofern er mit Wort und Sprache begabt ist; sie besteht in der Verknüpfung von Namen, nicht in der Feststellung von Objekten

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