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Gegensätze, wie das „,Warme" und das „,Kalte", das,,Dichte" und das,,Dünne" zurück.

Die bekannte Untersuchung, die Bacon im ,,Neuen Organon' durchführt, um die Natur der Wärme zu bestimmen, liefert das deutlichste und markanteste Beispiel für diese Grundanschauung. Wenn wir, vom Standpunkt der modernen physikalischen Auffassung, erwarten würden, dass Bacon, um sein Problem zu lösen, vor allem den Bedingungen nachginge, unter denen Wärme entsteht: so sehen wir, dass seine erste Bemühung vielmehr darauf gerichtet ist, sich aller Fälle zu versichern, in denen die Wärme,

als eine konstante Eigenschaft, (vorhanden ist.) Die „Form der besteht.

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Wärme ist ein feststehendes dingliches Etwas, das hier in stärkerem, dort in geringerem Masse, hier versteckter, dort deutlicher in einer bestimmten Einzelerscheinung hervortritt. Aus diesem logischen Gesichtspunkte folgt das Verfahren, das Bacons Naturphilosophie einschlägt, mit zwingender Konsequenz. Wenn hier wie Liebig es drastisch geschildert hat1) unter die „,affirmativen Instanzen" der Wärme die Sonnenstrahlen, das Vitriolöl und frische Pferdeäpfel eingereiht werden, während auf der anderen Seite als Fälle der Abwesenheit von Wärme die Mondstrahlen, die kalten Blitze und das St. Elmsfeuer notiert werden: so entspringt ein derartiges Verfahren, so seltsam es uns erscheinen will, doch aus der ersten Voraussetzung der Baconischen Induktion. Was Wärme ist, das können wir danach in der Tat nicht anders ermitteln, als indem wir sämtliche warmen Dinge zusammenstellen und das gemeinsame Merkmal, das ihnen anhaftet, durch ,,Abstraktion" herausziehen. Wenngleich daher die,,Formen" von Bacon auch als die Gesetze der Dinge bezeichnet und somit scheinbar in die Nähe des Grundbegriffs der modernen Naturwissenschaft gerückt werden, so offenbart sich doch gerade an diesem Punkte der unüberbrückbare Gegensatz der Betrachtungsweisen. Wollte man nach Baconischer Methode daran gehen, etwa die Natur der Fallbewegung zu ergründen, so müsste man damit beginnen, alle fallenden Körper in verschiedene Klassen zu teilen, um diese dann gesondert zu beobachten und die Eigenschaft, in der sie übereinstimmen, für sich herauszuheben. Wir erinnern uns, dass in der Tat die Aristotelischen Gegner Galileis diesen Weg vorschlugen und forderten. Nicht

von einer allgemeinen mathematischen Beziehung - so verlangten sie solle ausgegangen werden, sondern von den inneren substantiellen Unterschieden der „Subjekte", die in Bewegung begriffen sind. (Vgl. Bd. I, S. 292 f.) Bacon wurzelt, wie sehr er sich von den einzelnen Ergebnissen der Aristotelischen Physik entfernt haben mag, dennoch noch durchaus in dieser selben Grundanschauung. Er kennt nichts anderes, als Dinge und ihre Eigenschaften: und diese Einengung des logischen Horizonts ist es, die jede freie und originale Entwicklung seiner Naturlehre von Anfang an ausschliesst.

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Für die Einsicht in die gedanklichen Grundmotive der Geschichte des Erkenntnisproblems bildet daher Bacons Lehre an dieser Stelle eine geradezu unschätzbare negative Instanz“. Hier wird es unmittelbar deutlich, dass aller Fortschritt im Einzelnen nicht genügen konnte, ehe nicht eine fundamentale Umwandlung der Denk art erreicht war. Alle Mängel und -Irrtümer, die selbst die überzeugtesten Anhänger der Baconischen Philosophie seiner Methode von jeher vorgehalten haben, quellen aus diesem einen Punkt: aus seinem Verharren in der substantiellen Weltansicht. Noch einmal vertritt er alle diejenigen philosophischen Voraussetzungen, in deren Bekämpfung die moderne Wissenschaft sich selber und ihre eigene Aufgabe entdeckt hatte. Wir erinnern uns, wie der erste Schritt für Galilei und Kepler darin bestand, die absoluten Gegensätze der Ontologie in quantitative Unterschiede, in ein ,,Mehr und Weniger" aufzulösen (Vgl. I, 268 f. u. 334). Für Bacon dagegen gelten das Warme und Kalte, das Feuchte und Trockene noch durchaus als selbständige ,,Naturen", zwischen denen keine Vermittlung und Gradabstufung statthat. Wie es Körper gibt, die an sich warm, so gibt es andere, die an sich kalt sind. Die relativen Differenzen, die die Empfindung uns anzeigt, werden zu inneren unbedingten Unterschieden der Sachen umgedeutet; die verschiedene Fähigkeit der Wärmeleitung, die den Körpern eignet, gibt Anlass, zwei entgegengesetzte absolute Qualitäten in ihnen anzunehmen.18) Wenn es ferner ein Hauptzug der mathematisch-naturwissenschaftlichen Theorie ist, dass in ihr zuerst die Unendlichkeit und die prinzipielle Unabschliessbarkeit alles Erfahrungswissens entdeckt wird, so bleibt Bacon auch hier

Formbegriff und Gesetzesbegriff.

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in der mittelalterlichen Anschauung befangen. Nicht nur, dass eine beschränkte, geringfügige Anzahl von Formen genügen soll, durch Mischung und Kombination die gesamte Fülle der Erscheinungen aus sich zu entwickeln; sondern auch das Ganze der Phänomene selbst gilt überall als ein begrenzter Inbegriff, der sich dereinst durch fortgesetzte Beobachtung werde erschöpfen lassen. In dieser Ansicht liegt das Charakteristische und Unterscheidende für Bacons Begriff der Induktion. Dass die,,Induktion" zu den schlechthin allgemeinen Eigenschaften der Dinge, dass sie zur Entdeckung ihrer letzten Wesenheiten fortschreiten könne: das ist ihm kein Widerspruch, weil er die Natur und die Gegenstände der Natur von vornherein als ein in sich abgeschlossenes Gebiet betrachtet, das sich vollkommen überblicken und in seinen einzelnen Gliedern abzählen lässt.19)

Mit dieser Ansicht hängt weiterhin der andere Grundzug der Baconischen Erfahrungslehre: die völlige Trennung von Beobachtung und Theorie innerlich zusammen. Die Geschichte der Phänomene geht, dem allgemeinen Entwurf der Methode nach, voraus; erst wenn sie vollendet ist, beginnt die Aufgabe der theoretischen Zergliederung. So gilt als das Fundament jeglicher Philosophie eine Disziplin, die lediglich die Einzelbeobachtungen registriert, sich aber jeden Versuchs, sie begrifflich zu deuten und zu ordnen, noch völlig enthält. In der Tat: wenn die Erscheinungen ein endliches Ganze bilden, das sich durch einfache Aufreihung und Nebeneinanderstellung der Elemente erschöpfen lässt, so scheint jede leitende Maxime der Induktion, jede Ueber- und Unterordnung nach logischen Gesichtspunkten entbehrlich zu werden. Der eigentlichen empirischen Wissenschaft dagegen ist es wesentlich, dass sie den Inbegriff ihrer gedanklichen Grundmittel nicht etwa nur zur Bearbeitung fertiger Tatsachen verwendet, sondern dass sie ihn bereits zur Feststellung des Einzelfaktums braucht. Was als „Tatsache zu gelten hat, das steht ihr nicht von Anfang an fest, sondern muss erst auf Grund theoretischer Kriterien ermittelt und entschieden werden. Bacon dagegen kennt auf der einen Seite nur die einfache Konstatierung des Phänomens; auf der anderen und völlig losgelöst davon, dessen philosophisch-spekulative Deutung und Verwertung. Die Art, in der er in seinem natur

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philosophischen Hauptwerk, der „Sylva sylvarum" das Material zu seinen Induktionen herbeischafft, muss auf den ersten Blick völlig unbegreiflich scheinen. Von überallher trägt er es zusammen: bald ist es eine eigene gelegentliche Beobachtung, bald eine Bemerkung in einem naturwissenschaftlichen Werk oder einer Reisebeschreibung, bald eine Behauptung, die er vom Hörensagen kennt, die alle er ohne nähere Kontrolle hinnimmt. Sein eigenes Interesse haftet nicht an der Feststellung und Bewährung aller dieser angeblichen „Tatsachen, sondern es beginnt erst, wo es sich um ihre Erklärung" handelt. So konnte. es Bacon begegnen, nach den physischen Gründen einer Erscheinung zu forschen, die wie der Stillstand oder Rückgang der Planeten gar keine objektive Wirklichkeit besitzt, sondern sich bei schärferer Analyse in einen blossen optischen Schein auflöst.29) Erst nachdem die Fakta gesammelt und aufgereiht sind, setzt die Arbeit der Theorie ein. Bacons Induktion stellt sich lediglich die Aufgabe, aus Phänomenen, die als feststehend und gegeben betrachtet werden, die reinen Formen und Wesenheiten herauszudestillieren: die Methode dagegen, kraft deren die Wirklichkeit der einzelnen Erscheinung selbst verbürgt und erwiesen werden kann, fällt ausserhalb ihres Gesichtskreises. Dieser Zug vor allem mag es gewesen sein, der die grossen empirischen Forscher, die in Bacons nächster Umgebung lebten, so völlig von ihm getrennt hielt. Sie alle mochten gegenüber seiner schnellfertigen Art, die Tatsachen zusammenzuraffen, die Empfindung haben, die Harvey in einem scharfen und witzigen Wort ausgesprochen hat: „er betreibt die Naturlehre, wie ein

Lordkanzler."21)

Wiederum aber gilt es hier, die Mängel des Baconischen Verfahrens nicht lediglich im einzelnen zu betrachten, sondern sie aus der Grundkonzeption, von der Bacon seinen Ausgang nimmt, zu begreifen. Der Weg, den Bacons Denken durchmessen hat, lässt sich jetzt bereits in seinen verschiedenen Phasen überschauen. Die Notwendigkeit einer Verstandeskritik: das war die moderne und fruchtbare Forderung, von der er seinen Ausgang nahm. Aber mit dieser Forderung des Logikers traf jener andere Gesichtspunkt zusammen, der, wie wir sahen, vor allem aus dem technischen Interesse an der Unterwerfung und

Der Charakter der Baconischen Induktion.

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Beherrschung der Natur entsprang. Was der Sinn, was das reine Denken zu unserem objektiven Bilde der Wirklichkeit beiträgt, das sollte nicht lediglich kritisch herausgelöst und erkannt, sondern es sollte zugleich aufgehoben und vernichtet werden, wenn anders wir die Natur in ihrem innersten unbedingten Sein besitzen wollten. Die metaphysischen Grundkräfte des Wirklichen können wir so scheint es nicht anders gewinnen, als dadurch, dass wir in unserem Denken alles auslöschen, was ihm selber und seiner eigentümlichen Gesetzlichkeit angehört. Aber indem Bacon auf diese Weise der echten, positiven Leistung des Intellekts" widerstrebte, indem er sie, statt sie in ihrer Bedingtheit zu verstehen und anzuerkennen, vielmehr auszutilgen suchte, ist er damit nur um so mehr der unbewussten Illusion des Begriffs erlegen. Wir sahen bereits, wie sich ihm die relativen Gradunterschiede der Empfindung zu absoluten Gegensätzen in den Körpern verwandelten. Und einer analogen Wandlung und Umdeutung verdanken alle die reinen Formen", die für Bacon die Summe der echten Wirklichkeit ausmachen, ihre Entstehung. Wir gelangen zu ihnen, indem wir eine bestimmte Qualität, die uns in den Erscheinungen in wechselnder Stärke und untermischt mit anderen Merkmalen entgegentritt, für sich herausgreifen und gesondert betrachten. Die Form des Lichtes oder der Wärme ist dasjenige, was allen leuchtenden oder warmen Körpern, so sehr sie sich sonst von einander unterscheiden mögen, gemeinsam ist. Dass die Fixierung, dass die Setzung jeder solchen Gemeinsamkeit selbst nichts anderes, als das Ergebnis eines logischen Prozesses ist: diese Einsicht bleibt Bacon versagt. Der abstrakte Gattungsbegriff einer Erscheinung wird ihm zum Urgrund und Quell der Sache selbst: die „differentia vera" ist zugleich die ,,natura naturans" und der ,,fons. emanationis".22) So ist der Formbegriff selbst nichts anderes, als das Produkt einer falschen Projektion, vermöge deren wir das Innere" zum ,,Aeusseren" machen. Er ist, wenn irgendeiner, ein Idol des Geistes, das sich an die Stelle der Objekte. schiebt. Bacon selbst sucht einen sicheren Unterschied zwischen „Idolen“ und „Ideen“ zu gewinnen, indem er jene als Schöpfungen des menschlichen, diese als Erzeugnisse des göttlichen Geistes betrachtet. „Jene sind nichts anderes, als willkürliche Abstrak

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