Imágenes de página
PDF
ePub

Geist zu beflügeln, sondern ihm ein Bleigewicht anzuhängen, damit er um so fester am Boden der gegebenen Tatsachen hafte. 4) Nicht der inhaltliche Grund der Wahrheit, sondern die psychologischen Quellen des Irrtums sind es somit, denen Bacon nachspürt. Was er positiv leistet, ist nicht ein Aufbau der wissenschaftlichen Erkenntnis aus ihren ersten Voraussetzungen, sondern eine Pathologie des menschlichen Vorstellens und Urteilens. Die Lehre von den „Idolen", die Erörterung der mannigfaltigen subjektiven Vorurteile und Hemmnisse, die dem Erwerb des Wissens entgegenstehen, bildet den ergiebigsten und fruchtbarsten Teil seiner philosophischen Gesamtarbeit. Hier, wo er als psychologischer Essayist spricht, kommen die eigentliche Richtung seines Talents und die Vorzüge seines Stils am reichsten zur Entfaltung. Es ist, bei aller aphoristischen Behandlung des Gegenstandes, dennoch ein wichtiges und spezifisch modernes Problem, das hier gestellt wird. Von den zufälligen Irrungen, denen der einzelne vermöge seiner individuellen Beschränkung unterliegt, erhebt sich die Betrachtung zu den notwendigen und allgemeinen Täuschungen, die dem menschlichen Verstande als solchem und nach seinem Gattungscharakter anhaften. Die metaphysische Ansicht, dass die Beschaffenheit und die Regel unseres Intellekts uns zu einem Urteil über das absolute Wesen der Dinge befähige, wird nunmehr als ein naives Vorurteil enthüllt. Der menschliche Geist gleicht einem Zauberspiegel, der die Dinge nicht rein und nach ihrer tatsächlichen Beschaffenheit, sondern vermischt mit den eigenen Phantasmen wiedergibt. 5) Nur eine strenge kritische Sonderung kann daher den Wahrheitswert der einzelnen Bilder und Vorstellungen in uns bestimmen. Die allgemeine Aufgabe, den „subjektiven“ und den „objektiven" Faktor in unserer Erkenntnis zu scheiden und beide in ihrer wechselseitigen Bedingtheit zu begreifen, ist damit erfasst; gleichviel wie Bacon selbst ihr in seiner eigenen philosophischen Leistung genügt haben mag. —

Und die Kritik, die hier geübt wird, trifft nicht allein den Verstand und seine abstrakten Begriffe, sondern wie gegenüber der herkömmlichen Deutung von Bacons Lehre betont werden muss nicht minder die sinnliche Empfindung. Erst in diesem Zuge gewinnt sie ihre universelle Bedeutung. Nicht

Die Kritik der Erfahrung.

119

minder energisch als die grossen Rationalisten betont Bacon jetzt, dass der Sinn, soweit er sich selbst und seiner eigenen Leitung überlassen bleibt, ein schwankender und ungenauer Maassstab ist. Das Zeugnis und die Belehrung des Sinnes gilt nur „in Bezug auf den Menschen, nicht in Bezug auf das Universum".) Immer von neuem kommt Bacon auf diesen Hauptund Lieblingssatz seiner Philosophie zurück. Mit der gleichen Schärfe, wie gegen die „kahlen Abstraktionen" der Dialektik wendet er sich gegen die voreiligen „Empiriker", die auf zufälligen und nicht völlig analysierten Beobachtungen das System der wissenschaftlichen Axiome und Grundsätze zu errichten suchen.) Die „Erfahrung“, die Bacon anruft, ist ihm daher mit dem unmittelbaren sinnlichen Eindruck der Wirklichkeit keines

wegs gleichbedeutend. „Was man gemeinhin „Erfahrung“ nennt, das ist nichts anderes, als ein unsicheres Tasten, wie der Mensch es bei Nacht macht, wenn er versucht, sich durch Befühlen der Gegenstände auf den rechten Weg zu bringen, während es doch besser und geratener wäre, den Anbruch des Tages zu erwarten oder ein Licht anzuzünden. Eben dies letztere aber ist das Verfahren und die Weise der echten Erfahrung: sie steckt zuerst ein Licht an und weist sodann mit ihm den Weg, indem sie mit völlig geordneten und durchdachten, nicht aber mit vorschnellen und irrigen Beobachtungen beginnt und aus ihnen allgemeine Sätze zieht, die ihrerseits wiederum den Zugang zu neuen Experimenten erschliessen."8) Die theoretische Ordnung der Einzelbeobachtungen entscheidet somit erst über ihren Wert und ihre objektive Bedeutung. Bis hierher ist es nicht anders, als höre man Descartes oder Galilei sprechen; wie es denn Bacon als den eigentlichen Vorzug seines Verfahrens rühmt, dass dadurch endlich die wahre und rechtsgültige Ehe" zwischen dem empirischen und dem rationalen Vermögen des Geistes geschlossen werde.) Die Bahn der Erfahrung soll, von den ersten sinnlichen Wahrnehmungen angefangen, durch eine sichere rationelle Methode befestigt und gangbar gemacht werden. (omnisque via a primis ipsis sensuum perceptionibus certa ratione munienda.)10) Ein fester logischer Stufengang wird vorgezeichnet, kraft dessen wir uns erst allmählich zur objektiven Erkenntnis erheben können. Wie der Sinn für sich schwach und unsicher

[ocr errors]
[ocr errors]

ist, so helfen auch die Instrumente, die seine Wahrnehmungsfähigkeit erweitern und schärfen sollen, nicht weiter; vielmehr wird jede wahrhafte Auslegung der Natur erst durch geeignete und richtig angewandte Experimente erreicht; denn der Sinn urteilt nur über das Experiment, das Experiment aber über die Natur und die Sache selbst."11)

In dieser Unterscheidung einer doppelten Bedeutung der „Erfahrung" selbst, in diesem Hinweis auf den Gegensatz zwischen zufälliger, passiver Wahrnehmung und dem bewusst und methodisch geübten Experiment liegt dasjenige, was Bacon für die Kritik der Erkenntnis geleistet hat; liegt ein Verdienst, das durch alle die offensichtlichen Mängel und Schwächen in der Ausführung seiner Theorie nicht beseitigt wird. Zwar dass er die Forschung überhaupt wieder auf die empirische Betrachtung verwiesen hat, kann ihm nicht als originale Leistung zugerechnet werden. In seinem Kampfe gegen das Schulsystem hat er den Argumenten, die von den Vorgängern, von Vives und Ramus, von Valla und Francesco Pico geprägt worden waren, sachlich nichts hinzugefügt, wenngleich er ihnen in der epigrammatischen Kraft seines Stils die blendende äussere Form gegeben hat, kraft deren sie sich im Bewusstsein der Nachwelt behauptet haben. Der eigentlich fruchtbare Grundzug seiner Lehre aber besteht darin, dass sie bei der blossen Feststellung des Einzelnen nicht stehen zu bleiben gedenkt. Ihr ganzes Streben ist darauf gerichtet, von den ersten und rohen Anfängen der Empfindung zur wissenschaftlichen Erfahrung, zur „experientia litterata" durchzudringen. Im Hinblick auf dieses einheitliche Ziel wird die Rolle der Wahrnehmung sowohl, wie die des Denkens abzuschätzen gesucht. „Wahrheit" ist nach der ursprünglichen Konzeption Bacons weder in den Sinnen, noch im Verstand allein, sondern einzig in der Durchdringung und Wechselbeziehung dieser beiden Momente zu suchen.

Und dennoch enthält dieser so wichtige und wegweisende Gedanke, wenn wir ihn in seiner besonderen Nuancierung innerhalb des Baconischen Systems betrachten, eine innere Schwierigkeit in sich. Von welcher Art ist jenes Sein und jene Wirklichkeit, die uns durch das Experiment erschlossen werden soll? Kann darunter, nach den sachlichen Konsequenzen aus Bacons

Die methodische Bedeutung des Experiments.

121

so muss

Anfangssätzen, etwas anderes verstanden sein, als die Regel der empirischen Wiederkehr, die wir innerhalb der Erscheinungen selbst festhalten und aufzeigen können? Diese Folgerung aber steht mit der tatsächlichen geschichtlichen Gestalt von Bacons Physik in unmittelbarem Widerstreit. Die Natur ist für Bacon nicht ein geordnetes Ganze gesetzlicher Veränderungen, sondern ein Inbegriff an sich bestehender „Wesenheiten". Das empirische Dasein bildet nicht ein selbstgenügsames, in sich geschlossenes Gebiet, sondern es weist beständig auf ein Reich metaphysischer „Formen“ und Qualitäten, als seinen eigentlichen objektiven Hintergrund, zurück. Wo aber nunmehr gefragt werden finden wir die Mittel, die uns in diesen Bereich der absoluten Dinge und Eigenschaften hinauszuführen vermöchten? Des Denkens Faden ist hier, nach Bacons eigenen Voraussetzungen, zerrissen. Bleibt doch jede Setzung des Verstandes nicht minder, als der Empfindung in den Umkreis der Erscheinungen gebannt, statt zu ihren substantiellen Urgründen hinzuleiten: „Omnes perceptiones tam sensus, quam mentis sunt ex analogia hominis, non ex analogia universi. 12) So zeigt sich schon hier, dass die Kraft der „Methode", da sie in nichts anderem bestehen kann, als in gedanklichen Weisungen und Vorschriften, nicht hinreichen wird, um uns in dasjenige Gebiet des Seins Eingang zu verschaffen, das Bacon als Physiker und Metaphysiker voraussetzt. Die Methodenlehre muss eine Wendung erfahren, die ihrer anfänglichen Konzeption widerstreitet, damit sie den Aufgaben zu genügen vermag, die ihr durch Bacons Formenlehre gestellt werden.

II.

Die Formenlehre.

In seinem methodischen Erstlingswerk geht Descartes von einer Forderung aus, die in ihrer äusseren Fassung durchaus an die Aufgabe erinnert, die Bacon seiner Metaphysik gestellt hat. Es gilt, die zusammengesetzten Dinge durch fortschreitende Analyse in die einfachen Naturen" zu zerlegen, aus denen sie bestehen und sich die Regel deutlich zu machen, nach welcher sie

[ocr errors]

sich aus ihnen aufbauen. Sogleich aber tritt zu diesem Satze eine wichtige Einschränkung hinzu: die Dinge sollen in Klassen geteilt werden, „nicht sofern sie sich auf irgend eine Art des Seins beziehen, wie die Philosophen es in ihren Kategorien unterschieden haben, sondern sofern die einen aus den anderen erkannt werden können“. Die Grundbegriffe, auf die das Cartesische Verfahren hinführt, sind somit Begriffe, wie die des Gleichen und Ungleichen, des Geraden und Krummen, der Ursache und der Wirkung: es sind, mit einem Worte, durchweg mathematische oder physikalische Beziehungs- und Verhältnisbegriffe.13) Bei Bacon dagegen nimmt die Analyse einen anderen Weg. Was die Natur uns darbietet, das ist eine Mannigfaltigkeit von Einzeldingen und ihren konkreten sinnlichen Eigenschaften. Wir können diese Zusammenfassung von Merkmalen nicht verstehen, wenn wir nicht jedes einzelne zuvor in seiner eigentümlichen Wesenheit erforscht haben. Jeder besondere Gegenstand ist nur eine Vereinigung und Anhäufung verschiedener einfacher Naturen, wie sich z. B. im Gold die Eigenschaften des Gelbseins" und der Schwere, der Dehnbarkeit und der Härte u. s. f. zusammenfinden. Erst derjenige, der die innere Beschaffenheit jeder dieser Naturen erfasst, der verstanden hat, welche allgemeine Qualität einen Körper gelb oder hart, schwer oder dehnbar macht, wird imstande sein, das Gold wahrhaft zu begreifen und hervorzubringen.14) Der Mangel der scholastischen Denkweise besteht somit, nach Bacon, nicht darin, dass sie derartige allgemeine Qualitäten überhaupt setzt und annimmt; sondern darin, dass sie sogleich auf die Wesenheit empirischer Einzelobjekte ausgeht, dass sie von der Form des Löwen, des Adlers, der Rose spricht, ehe sie die verschiedenen Bestandstücke, die in ihr vereint sind, herausgesondert und für sich untersucht hat.15) Das Innerste der Natur, die „viscera naturae" erschliessen sich uns, wenn wir die Grundqualitäten, die im Stoffe wirksam sind, nicht bloss in den besonderen Körpern aufsuchen, wo sie immer mit fremden und zufälligen Beschaffenheiten untermischt sind, sondern sie als solche und losgelöst erkennen.16) Wenn bei Descartes die Zerlegung in Begriffen, wie Zahl und Gestalt, Gleiches und Ungleiches endet, so führt sie hier auf fundamentale dingliche Eigenschaften, auf

« AnteriorContinuar »