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Fünftes Buch:

Das Erkenntnisproblem im System des

Empirismus.

Erstes Kapitel.

Bacon.

I.

Die Kritik des Verstandes.

Wenn man von der philosophischen und wissenschaftlichen Renaissance, wie sie sich in Italien, Deutschland und Frankreich gestaltet, zu Bacons Lehre hinüberblickt, so ist es zunächst die veränderte subjektive Stimmung des Philosophierens und Forschens, die sich vor allem fühlbar macht. Es ist eine neue geistige Atmosphäre, in die wir eintreten; es ist ein anderer persönlicher Affekt, der hier zum Ausdruck drängt. Der Begriff des Selbstbewusstseins bildet den Mittelpunkt für das geistige Leben der Renaissance. An ihm, an seiner Neugestaltung und Vertiefung arbeiten nicht nur die Logiker und die psychologischen Analytiker; auch die empirischen Forscher können ihre rein objektive Aufgabe nicht erfüllen, ohne sie in Beziehung zu diesem zentralen Problem zu setzen. Sie alle sind von einer neuen Auffassung über das Verhältnis des Geistes zur Natur erfüllt, die sich bei den einen nur in poetischen Bildern und Gleichnissen ausspricht, während sie bei den anderen bereits strengere begriffliche Fassung anzunehmen beginnt. Die „Harmonie“ zwischen den Denkgesetzen und den realen Gegenständen bleibt ihnen die unbestrittene Voraussetzung. Immer herrscht hier die Ueberzeugung, dass wir uns den reinen Begriffen unseres Geistes getrost überlassen dürfen, dass wir uns insbesondere nur in die Struktur der mathematischen Ideen zu vertiefen brauchen, um das Grundschema für die Erkenntnis des wahrhaften, gegenständlichen Universums zu gewinnen.

An diesem Punkte setzt die Rolle und die Leistung Bacons ein; hier ist es, wo er die Eigenart, wie die Mängel seiner Philosophie am deutlichsten blosslegt. Die Natur ist ihm nicht, wie dem wissenschaftlichen Theoretiker, ein Gegenstand für die ruhende Betrachtung; sondern sie ist das widerstrebende Material, das wir zu bewältigen und zu unterwerfen haben. Dieser technische Ausgangspunkt Bacons ist es, der auch seinen logischen Gesichtskreis durchaus bestimmt und beherrscht. Das Wissen" bedeutet ihm, seinem ursprünglichen Begriffe nach, nichts anderes, als eine Art der praktischen Betätigung, kraft deren wir die Dinge zwingen und sie unserem Herrscherwillen gefügig machen. Wahre Einsicht in einen Gegenstand besitzen wir erst dann, wenn wir ihn gleichsam unter den Händen haben, um mit ihm nach Belieben schalten und wirken zu können. Was uns aber immer wieder an dieser unmittelbaren Erfassung der Wirklichkeit hindert, das sind die Gebilde des eigenen Geistes, die sich stets von neuem zwischen uns, die handelnden Subjekte, und die realen Tatsachen und Mächte der Natur eindrängen., Gelänge es diese unwillkommene Beimischung ganz zu entfernen gelänge es die „Wesenheiten" der Objekte in ihrer unverfälschten Dinglichkeit zu erfassen, so wäre der Zauber gebrochen und das Reich des Menschen, das „Regnum hominis", begründet.

Wenn Bacon sich daher mit derselben Energie, wie die grossen empirischen Forscher, auf das Experiment beruft und seine Bedeutung rühmt: so kann doch nur eine äusserliche und flüchtige Betrachtung den tiefen Unterschied übersehen, der hier obwaltet. Einem Leonardo oder Kepler ist die Natur selbst nichts anderes, denn eine harmonische Ordnung, die der „Vernunft“ gleichstimmig entgegenkommt. Und es ist der wissenschaftliche Versuch, der diesen Zusammenhang verkörpert und der damit zum echten „Vermittler zwischen Subjekt und Objekt" wird. Die höchste und endgiltige Leistung des Experiments besteht darin, dass es die notwendigen Verknüpfungen" innerhalb der empirischen Erscheinungen blosslegt und damit die „Vernunftgründe" mitten in der Erfahrung selbst sichtbar macht. (Vgl. Bd. I, S. 251, 261, 291 ff.) Für Bacon dagegen bedeutet die objektive Wirklichkeit eine fremde Macht, die sich uns zu entziehen trachtet, und die wir erst mittels immer erneuter

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„Folterungen“ durch die Kunst zwingen können, uns Rede und Antwort zu stehen. Er spricht auch hier die Sprache des Kriminalisten, der einen Schuldigen zu überführen und ihm sein Geheimnis abzudringen sucht. Vergebens hoffen wir, in einer begrifflichen Gesamtansicht, in einer geistigen Ueberschau uns das Ganze der Natur durchsichtig zu machen; wir dürfen nur erwarten, ihr mit den Instrumenten und Waffen der Technik Stück für Stück ihre Rätsel zu entreissen. Und in diesem persönlichen Unterschied der Anschauungsart ist bereits der Gegensatz der sachlichen Ergebnisse beschlossen und vorgebildet. Denn eben dies ist es, was Bacon aller bisherigen Philosophie und Wissenschaft vorhält: dass sie, indem sie das künstliche Gewebe unserer Begriffe nur immer vermehrte und verfeinerte, die Schranke, die uns von dem wahrhaften Sein der Objekte trennt, nur um so schroffer aufgerichtet hat. 1) Alle Versuche, unternommen hat, die Kräfte des Geistes zu erhöhen, waren nur ebensoviele Mittel, ihn innerhalb seiner eigenen Sphäre festzubannen. Platon vor allem ist für Bacon, in demjenigen Werk, das sein Urteil über die Vorgänger am rückhaltlosesten ausspricht, nur der schwülstige Poet" und der „tolle Theologe", der durch seine grundfalsche Lehre, dass die Wahrheit dem Geiste „eingeboren" sei und nicht von aussen in ihn hineinwandere, die Philosophie von der rechten Erfassung der Dinge abgelenkt und in ein Netzwerk blinder Idole verstrickt habe. 2) Und wie er die Naturlehre durch die Theologie, so hat Aristoteles sie durch die Dialektik, Proklus durch die Mathematik entstellt und um ihren wahren Ertrag gebracht. 3) All das, was bisher als die höchste Leistung des Intellekts gepriesen wurde, bedeutet in Wahrheit seine Verführung und sein Verhängnis.

Unter diesem Gesichtspunkt erst versteht man die eigentliche Tendenz von Bacons Verstandeskritik. Für ihn handelt es sich nicht, wie für die grossen produktiven Denker der Renaissance, in erster Linie darum, die schöpferischen Kräfte des Verstandes frei zu machen und ihre Wirksamkeit im Aufbau der Erfahrung aufzuweisen, sondern vielmehr um die Einschränkung dieser Kräfte und ihrer Betätigung. Das Ziel der Philosophie soll fürderhin nicht darauf gerichtet sein, den menschlichen

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