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Die Grundlegung der Methodenlehre.

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Aber eben diese Gemeinsamkeit der Aufgaben beleuchtet zugleich die spezifischen Unterschiede in der Forschungsart der beiden Denker. Wenn Leibniz überall durch den Gedanken der Universalwissenschaft geleitet wird, wenn er daher über die Algebra hinaus zu einer allgemeinen „Wissenschaft der Formen“ fortstrebt, so ist es ein engeres Gebiet, das sich Tschirnhaus von Anfang an absteckt. Der Gegensatz, der hier besteht, ist namentlich in den späteren Phasen der Korrespondenz zum schärfsten Ausdruck gelangt. Immer von neuem betont Tschirnhaus hier, dass es ein vergebliches Bemühen sei, die abstrakten algebraischen Methoden, statt sie in sich selber zu verbessern und zu vollerden, prinzipiell überbieten zu wollen. Auch die Kombinatorik könne dieses Ziel niemals erreichen: sei sie doch selbst nichts anderes als die Wissenschaft von der Zahl der möglichen Verknüpfungen und somit ersichtlich der allgemeinen Zahlenlehre untergeordnet. Auch gegenüber den eingehenderen Erläuterungen Leibnizens, der nunmehr seinen Gesamtplan in seiner ganzen Weite darlegt, verharrt er auf diesem Standpunkt.) Und er schildert in einem wichtigen Schreiben, das auf die gesamte gedankliche Bewegung der Epoche helles Licht wirft, die Art, in der der Entwurf seiner Methode sich in ihm zuerst gestaltet und gefestigt habe. Er berichtet, wie in ihm, kaum dass er die ersten genauen Kenntnisse in der Algebra erworben, der Wunsch rege geworden sei, ein Verfahren von gleicher unfehlbarer Sicherheit und von derselben Leichtigkeit der Handhabung auch für die übrigen Wissenschaften zu besitzen. Indem er diesem Ziele nachging, seien ihm zuerst die Schriften Descartes' in die Hände gefallen, in denen er sein allgemeines methodisches Ideal nahezu verwirklicht fand. Und mehr noch als die bekannten metaphysischen Hauptwerke habe auf ihn jener Brief Descartes' an Mersenne, in welchem von der Möglichkeit einer allgemeinen philosophischen Sprache die Rede sei. bleibenden und bestimmenden Eindruck gemacht. Die Aufgabe, die nunmehr zurückblieb, aber bestand darin, das noch unbekannte Wörterbuch dieser Sprache zu suchen: eine Aufgabe, über die er lange vergebens nachgesonnen, bis er endlich gefunden habe, dass das Vorbild eines derartigen Wörterbuchs eben in der Cartesischen Geometrie selber bereits fertig vorliege. Wie hier alle räum

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lichen Gebilde einem exakten algebraischen Calcul unterworfen werden, so gelte es, das Gleiche für die Probleme der Natur durchzuführen, um zum höchsten Ziel alles Wissens zu gelangen. „Ich habe Dir so fährt Tschirnhaus in seinem Briefe an Leibniz fort wie Du sicherlich wissen wirst, dieses Schreiben Descartes' an Mersenne gezeigt und mit Dir darüber wiederholt diskutiert; ich erinnere mich aber, dass unser Gespräch immer damit endete, dass Du die Methode auf alle Dinge der Welt ausdehnen wolltest... während mein Gedanke vorzüglich darauf gerichtet war, ein Verfahren zu gewinnen, das es gestattet, die Probleme der Physik in derselben Weise zu behandeln und aufzulösen, wie sämtliche Fragen der Mathematik vermittels der Algebra zur Auflösung gelangen.“2)

In dieser Begrenzung des Themas liegt Tschirnhaus' eigentliche und charakteristische Leistung. Er geht durchaus von den Voraussetzungen des Rationalismus aus: „wahr" heisst auch ihm nur das, was wir nicht lediglich in der Wahrnehmung vorgefunden, sondern aus seinen allgemeinen logischen Gründen entwickelt haben. Jede Erklärung irgend eines Einzeldinges muss die Erkenntnis seiner nächsten Ursache einschliessen und von ihr weiterhin zur Einsicht in die Gesamtheit seiner näheren und ferneren Bedingungen aufsteigen. Wer sich dieser Bedingungen versichert hat, wer somit den Gegenstand, den er betrachtet, nicht nur aus irgend einer einzelnen Beschaffenheit kennt, sondern ihn nach der Art seines Aufbaus durchschaut, der erst vermag ihn begrifflich und sachlich vollkommen zu beherrschen. Denn eine Sache begreifen, ist nichts anderes als die Tätigkeit und der gedankliche Prozess, vermöge deren wir sie vor uns im Geiste entstehen lassen, und was immer von einer Sache begriffen werden kann, ist lediglich die erste Art ihrer Bildung oder, besser gesagt, ihre Erzeugung. Soll also die Definition die schlechthin erste Grundlage für all das bilden, was sich von einer Sache begreifen lässt, so muss notwendig jede gute und rechtmässige Definition eine Erzeugung in sich schliessen. Hier besitzen wir also eine unfehlbare Regel, nach der wir nicht nur wissenschaftliche, d. h. Wissenschaft schaffende Definitionen aus eigener Kraft feststellen, sondern auch Erklärungen, die von anderen vorgebracht werden, nach ihrem

Die begriffliche Erzeugung der Einzeldinge.

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wahren Werte abschätzen können.“3) Die vollendete Analysis der Dinge ist daher mit der Fähigkeit zu ihrer synthetischen Hervorbringung gleichbedeutend: wer die rechte Definition des Lachens besitzt, der wird das Lachen auch nach Belieben hervorzurufen verstehen. Wird somit hier der reinen begrifflichen Einsicht unmittelbar die Kraft zugestanden, das empirische Sein zu produzieren, so muss andererseits alle unsere Bildung und Verknüpfung von Begriffen ihren Weg und ihre alleinige Richtung eben nach diesem empirischen Inhalt hin nehmen. Das höchste, das ausschliessliche Ziel, das alle unsere rationalen Methoden sich stecken können, ist eben die Erfahrung selber und ihre gesetzliche Struktur. So betont Tschirnhaus und dies ist die fruchtbarste Einsicht, die er gewinnt - unablässig die strenge Korrelation zwischen dem „apriorischen" und dem „aposteriorischen" Wege der Begründung. „Induktion“ und „Deduktion“ sind nicht zu trennen, sondern sie bedürfen und ergänzen einander wechselseitig. Das Experiment ist nichts anderes als eine Hilfe und ein Regulativ der Begriffsbildung, wie anderseits der echte Begriff vor allem der Schlüssel zu neuen tatsächlichen Beobachtungen sein will. Wir beginnen damit, die „Möglichkeiten" der Erzeugung einer Sache zuerst rein abstrakt und hypothetisch im Geiste zu erwägen und ihnen bis in ihre letzten Verzweigungen nachzugehen. Wenn indessen, je näher wir dem besonderen sinnlichen Sein kommen, die Bedingungen immer komplizierter, die Wege immer schwerer zu überschauen werden, so bedienen wir uns der methodischen Beobachtung, um durch sie unsere allgemeinen gedanklichen Entwürfe zu begrenzen und zwischen ihnen eine sichere Auswahl zu treffen. Die Erfahrung determiniert unseren Begriff, ohne sich ganz und ausschliesslich an seine Stelle zu setzen. Erst wenn das Experiment in dieser Weise aufgefasst und beurteilt wird, kann es für unsere Einsicht in die Gründe des Geschehens wahrhaft förderlich werden, kann es zu Ergebnissen gelangen, die den blossen Empirikern, die ihre Versuche ohne Leitung der Vernunft anstellen, für immer versagt bleiben.) Es ist auch hier nur die Erfahrungslehre Descartes', die Tschirnhaus annimmt und weiter ausbaut. (S. Bd. I, S. 405 ff.) Aber er hat ihr durch die Klarheit, mit der er sie entwickelt und durch die prinzipielle Schärfe,

mit der er sie von allem Metaphysischen loslöst, eine weitere geschichtliche Wirksamkeit gesichert, als sie zunächst innerhalb des engeren Kreises der Cartesischen Schule entfalten konnte. Insbesondere die deutsche vorkantische Philosophie knüpft ir. ihren bedeutendsten Vertretern, wie vor allem in Lambert, ersichtlich an Tschirnhaus an, um die Grundsätze seiner Erfahrungstheorie für die Methodik der Einzelwissenschaften fruchtbar zu machen.

Die Aufstellung der allgemeinen Forderung einer kritischen Erfahrungslehre bei Tschirnhaus ist freilich mit der Erfüllung dieser Forderung nicht gleichbedeutend. Die inneren Schwierigkeiten, die der Ausbildung dieser Lehre entgegenstanden, treten an Tschirnhaus' Beispiel klar hervor. Sie sind vor allem darin begründet, dass das Objekt, um das es sich handelt, dass der Begriff der Realität selbst noch nicht zur Klärung und unzweideutigen Bestimmung gelangt ist. Der Inbegriff des Denkbaren wird in drei Klassen zerlegt: in die sinnlich - anschaulichen, in die rationalen oder mathematischen und in die physischen oder realen Dinge. Während die Vorstellungen der ersten Klasse, die Inhalte der Sinnlichkeit, sich dem Geiste wider seinen Willen und ohne sein Zutun von aussen aufdrängen, sind die der zweiten reine Schöpfungen des Geistes selbst, die keines äusseren Originals bedürfen. Es ist lediglich ein Akt der genetischen Konstruktion, der sie hervorbringt und der ihnen alle Bestimmtheit ihres Inhalts verleiht. Die Gebilde, die auf diese Art entstehen, lassen indessen stets eine Mehrheit von Erzeugungsweisen zu, die sämtlich untereinander äquivalent sind und zum gleichen Ergebnis führen. Ob wir den Kreis durch die Bewegung einer Geraden um einen festen Endpunkt, oder aber durch einen Kegelschnitt erzeugt denken, ist für seinen reinen mathematischen Begriff gleichbedeutend. Diese Vieldeutigkeit nicht sowohl des Inhalts, als der Art seiner Hervorbringung, ist bei der dritten Gruppe von Wesenheiten, bei den „Entia Realia seu Physica" überwunden. Was sie von den blossen „Gedankendingen" trennt, ist eben dies, dass wir sie nur auf eine einzige Art und aus einer einzigen Ursache entstanden denken können. Die Begriffe, die wir von ihnen entwerfen, hängen daher in keiner Weise von unserer Willkür, sondern lediglich „von der eigenen

Die drei Klassen des Denkbaren.

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Natur der Gegenstände selbst ab“, es sind Begriffe, die nicht sowohl durch uns zu bilden, als vielmehr nur mit unserer Mitwirkung und Hilfe gebildet sind.) „Von dieser Art ist z. B. alles das, was wir als materiell denken, d. h. alles, was nicht eine reine oder durchdringbare Ausdehnung, wie es die mathematische ist, sondern eine undurchdringliche Ausdehnung, wie es die aller Körper ist, voraussetzt." Deutlich lässt sich erkennen, wie in dieser Unterscheidung zwei verschiedene gedankliche Tendenzen in einander verwoben sind. Auf der einen Seite steht das rationalistische Interesse, das die Wirklichkeit als ein Produkt des Denkens begreifen und ableiten will. Die fortschreitende Besonderung der reinen gedanklichen Methoden, ihre wechselseitige Bestimmung zu einem eindeutigen und einzigartigen Ergebnis ist es, die das charakteristische Merkmal des Realen" ausmachen soll. Auf der anderen Seite aber muss die Wirklichkeit an sich bestehender Dinge als absolute Ursache der Sinnesempfindungen in uns schlechthin vorausgesetzt werden. Hier bricht der stetige Gang der Methode ab, den Tschirnhaus vor allem anstrebt; hier ist ein dogmatischer Anfangspunkt gesetzt, der aller Prüfung vorausliegt und der die grundlegenden Unterscheidungen der Prinzipienlehre erst ermöglichen soll. Tschirnhaus unterscheidet scharf zwischen der Fähigkeit des Intellekts und der Einbildungskraft, zwischen demjenigen was von uns wahrhaft „konzipiert“ und dem, was von uns nur sinnlich perzipiert" werden kann. Jeder Inhalt bietet uns Merkmale dar, die einer rein begrifflichen Fixierung fähig sind, während andere sich dem Versuche einer derartigen Bestimmung entziehen. So besitzen wir von Ausdehnung, Gestalt und Bewegung distinkte und klare Einsichten, während die rote. Farbe eines Gegenstands, wenngleich aufs klarste perzipiert, doch niemals ein Objekt wirklichen wissenschaftlichen Begreifens werden kann, da sie in jedem empfindenden Individuum verschieden ist und somit keinerlei allgemeingültige Erkenntnis zulässt.) Und es gibt eine Unendlichkeit von Inhalten, von welchen das Gleiche gilt, bei welchen wir also von Anfang an darauf verzichten müssen, sie begrifflich durchsichtig und fassbar zu machen. Ist aber dieses Ergebnis zutreffend und zwingend, so wird dadurch, wie man sieht, Tschirnhaus' eigener Plan einer

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