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FÜR

PHILOLOGIE UND PÆDAGOGIK.

Eine kritische Zeitschrift

in Verbindung mit einem Verein von Gelehrten

herausgegeben

von

M. Joh. Christ. Jahn.


Erster Jahrgang.

Erster Band. Erstes Heft.

Leipzig,

Druck und Verlag von B. G. Teubner.

1 8 2 6.

ASHMOLEAN

OXFORD

MUSEUM

9.72/183

CL

Einleitung.

Das Hervortreten einer neuen kritischen Zeitschrift neben einer

bedeutenden Anzahl bereits vorhandener, durch Alter und innern Werth empfolener, wird gleichwohl bey denen nicht erst einer Rechtfertigung bedürfen, die mit uns der Ueberzeugung sind, dass der öffentlichen Meinung nie zuviel Organe gegeben werden können, und dass insbesondre durch Vermehrfachung der litterarischen Gerichtshöfe das allgemeine Urtheil über den Stand der Wissenschaften und die einzelnen Erscheinungen auf dem Hebiete derselben unfehlbar an Freyheit, Unbefangenheit, Gründlichkeit und Vielseitigkeit gewinnen werde. Wohl aber scheint es angemessen zu seyn, den Zweck und den Umfang des neuen Instituts gleich zu Anfang wenigstens andeutungsweis zu bezeichnen, und dadurch den Erwartungen, die davon gehegt, den Anfoderungen, die daran gemacht werden dürfen, im Voraus festere Anhaltungspuncte darzubieten.

Auf Allgemeinheit Verzicht leistend, aus dem sich mit jedem Jahre erweiternden Reiche des Wissens und Forschens eine einzelne Provinz abzugrenzen, und auf diese allein unser Urtheil zu richten, haben uns zwey Hauptrücksichten bewogen. Zuerst dünkte uns nur so die Vollständigkeit der Uebersicht erreichbar, zu der bis jetzt noch kein Blatt von umfassenderer Bestimmung beym bessten Willen der Besorger hat hindurchdringen können, wenn es nicht auf zwey wesentliche Leistungen sofort zu verzichten bereit war, auf erschöpfende Ausführlichkeit der Berichterstattungen und auf gehörige Begründung der ausgesprochnen

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Wir sind übrigens weit entfernt, hiermit einen Tadel solcher Verfahrungsweise verbinden zu wollen: vielmehr müssen wir sie als Product der Nothwendigkeit bey der ungeheuren Masse des vorhandenen Stoffes anerkennend billigen. Dann aber glaubten wir auch, dem hochachtbaren und zahlreichen, mit zeitlichen Gütern jedoch noch keineswegs nach Gebühr und Verdienst gesegneten Stande der gelehrten Schulmänner, denen diese Jahrbücher zunächst gewidmet sind, würde ein litterarischer Mittelpunct erwünscht seyn, in welchem - mit Ausschliesung alles Fremdartigen dasjenige zusammengestellt und geüft werden soll, was den Kreis ihres Forschens und Wirkens mittelbar berührt, sodass sich wissenschaftliche Ergründung abrb. d. Phil. u. Pädag. Jahrg. I. Heft. 1.

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und werkthätige Ausübung wechselseitig fördernd in Eintracht die Hände reichen. Dem gemäss kündigt der Titel dieser Zeitschrift Philologie und Pädagogik als die Gebiete an, auf welche sich die zu diesem Unternehmen verbundenen Gelehrten beschränken wollen.

Diese Zusammenstellung zweyer an sich ziemlich verschiedenartiger Fächer kann dennoch allein für denjenigen etwas Befremdliches haben, der sich nicht zu überzeugen vermag, dass das gelehrte Schulwesen in gründlichster Erlernung der beyden classischen Sprachen des Alterthums seine einzig sichere Begründung findet. Diese Ueberzeugung war besonders durch Friedrich August Wolfs erweckliche, an den trefflichsten Andeutungen reiche Lehrvorträge seit etwa drey Jahrzehenden so allgemein verbreitet, und schien so tiefe Wurzeln geschlagen zu haben, dass anjetzt, zumal seitdem Niethammer den stattlichsten Grabstein auf das widerstrebende Princip gelegt hat, eigentlich jedes fernere Wort über diesen Gegenstand überflüssig geworden seyn sollte. Allein es gehört zu den auffallenden Eigenthümlichkeiten unsrer Zeit, dass überall den edelsten und fruchtbarsten Be. strebungen zur Förderung des Wahren und Guten hemmende Gewalten in den Weg treten, und ihnen den oft schon seit Jahrhunderten gewonnenen Boden-hie und da nicht ohne augenblickliche Erfolge aufs Neue streitig zu machen suchen. Auch darin wird indess das Auge, das sich gewöhnt hat in jedem Ereignisse das Walten der höchsten Liebe und Weisheit zu erkennen, ohne Schwierigkeit überwiegende Vortheile für das Ganze wahrnehmen. Langer, ungestörter Besitzstand entartet nur allzu leicht in die bequem hindämmernde Bewusstlosigkeit eines verjährten Herkommens, und verführt unmerklich zu argloser Sicherheit, während jedes Entgegenstreben, wie übelgemeint und verwerflich an sich es auch seyn mag, zu dienlicher Wachsamkeit, Besonnenheit und Umsichtigkeit aufruft.

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So hat sich denn dieser verneinende Geist, bald in dunkeln Umtrieben geschäftig, bald mit dreister Entäusserung aller Scheu hervortretend, auch gegen die alten Sprachen als vorzüglichstes Bildungsmittel unsrer Jugend, mit merklichstem Uebelwollen jedoch gegen die Griechische aufzulehnen nicht ermangelt, und hierin wenigstens das sehr richtige Gefühl an den Tag gelegt, dass mit dieser auch die Lateinische und sonach das gesammte Alterthumsstudium stehe oder falle. Und da dem unleugbar zu höhern Ansichten herangereiften Volksgeiste nicht mehr so leicht wie sonst vermittelst des abgebrauchten NützlichkeitsEvangeliums beyzukommen war, so versuchte man arglistiger die heiligsten Interessen des Menschen, Sicherheit der Religion und der bürgerlichen Ordnung, mit in das unlautere Spiel zu ziehn, und sie als gefährdet darzustellen durch die Beschäftigung mit Sprachen, denen aus den Jahrhunderten ihrer Entwicklung da

zwiefache Gift des Heidenthums und des Demokratismus unsichtbar anhafte, wie der Peststoff Levantischen Waarenballen **).

Kein Wunder denn, wenn eben diese Verleugner des eingeborenen Menschenadels, denen Klarheit der Erkenntniss und Kraft des sittlichen Willens als gefahrdrohende Schreckbilder gelten, in dem erhabenen Kampfe, den das erwachte Griechenland mehr mit der sogenannten Christenheit und der sogenannten Europäischen Sittigung als mit der Asiatischen Thierheit seiner entmenschten Zwingherren um die ersten, allgemeinsten Menschheitsrechte kämpft, wenn sie in dieser phönixgleichen Verjüngung, in diesem glorreichen Wiedererstarken eines seit Jahrhunderten in den Staub getretenen Volkes nur frevelhafte Empörung gegen ein rechtmässiges Oberhaupt gewahren wollen, und daraus neuen Verdacht gegen die Sprache herleiten, die von den Ahnherren dieser Helden geredet ward.

Es ist hier nicht die Stelle, eine Streitfrage ausführlicher zu erörtern, über die sich schon die beredtesten Männer Frankreichs und Englands, Männer wie Chateaubriand und Erskine, an öffentlicher Stäte würdig ausgesprochen haben, und über deren Entscheidung vielleicht die Politik, aber kein edles Herz in Zweifel seyn kann. Wohl aber ist im Allgemeinen zu bemerken, dass die Sprache, zufolge ihrer geistigen Natur, nur den innern Bildungsgang eines Volkes, die eigenthümlichen Formen seines Empfindens, Denkens und Wollens aus sich zurück zu spiegeln vermag, keineswegs aber die äussern Umgestaltungen und Wechsel seines geschichtlichen Lebens; wesshalb ihr Erlernen zwar zu unberechenbarem Gewinn ausschlagen muss, wenn das Volk in seinem Empfinden naturgemäss, in seinem Denken hell und folgerecht, in seinem Wollen tüchtig war, dass aber sittlicher Verderb nie daraus erwachsen kann, wenn nicht durch leicht zu verhütende Unterschiebung fremdartiger Zwecke ein Misbrauch getrieben wird, der ausser allem Zusammenhang mit der Sache steht, und dem überall das Heiligste, Ehrwürdigste und Reinste am meisten ausgesetzt ist. Die Schriftwerke aber, zu deren Verständniss die alten Sprachen den Zugang eröffnen, stehn vor dem ungetrübten Sinne in so makelloser Herrlichkeit da, dass es Entwürdigung wäre, sie gegen Verunglimpfungen in Schutz zu nehmen, die von ihnen abgleiten, wie des Sterblichen ohnmächtig - frecher Pfeil von der Aegis der Pallas Athene.

Ohne also länger hierbey zu verweilen, wird es zur Verständigung über die Richtung dieser Jahrbücher genügen, dass

*) „Heuchler der Furcht" kann man solche mit dem treffenden Ausdrucke bey Thiersch, über gelehrte Schulen, Abth. I. S. 23. nennen.

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